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Auftaktveranstaltung der Dialogreihe "Alpenflüsse - Gestern.Heute.Morgen?"

Dokumentation der Auftaktveranstaltung am 22. Oktober 2015

Nur noch zehn Prozent der alpinen Wildflüsse gelten heute als intakt. Und was noch übrig ist, wird von ganz unterschiedlichen Nutzergruppen beansprucht. Wie sollen unsere Alpenflüsse in der Zukunft aussehen? Wie kommen wir zu gemeinsam getragenen Lösungen? Um diese Fragen ging es in dem ersten Dialog, den der Bezirk Oberbayern in Kooperation mit dem Zentrum für Umwelt und Kultur Benediktbeuern und in Zusammenarbeit mit den Verbundpartnern des Hotspot-Projektes am 22.10.2015 durchführte. Es referierten und diskutierten:

  • Dr. Eberhard Pfeuffer, Forscher, Autor und Lechexperte
  • Christian Wanger, Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz
  • Prof. Dr. Michael Reich, Institut für Umweltplanung, Leibniz Universität Hannover
  • Hans Foldenauer, Sprecher Bundesvorstand Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e. V. und Milchbauer
  • Dr. Martin Spantig, Geschäftsführer Bayern Tourismus Marketing GmbH
  • Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler
  • Pater Karl Geißinger, Zentrum für Umwelt und Kultur Benediktbeuern

Moderiert wurde die Veranstaltung von Angela Braun vom Bayerischen Rundfunk.

Eingebettet ist die neue Dialogreihe in das seit 2014 laufende groß angelegte Verbundprojekt „Alpenflusslandschaften – Vielfalt leben von Ammersee bis Zugspitze“, das die Alpengewässer für sechs Jahre in den Fokus nimmt. An dem Projekt beteiligt sich eine Vielzahl von Kooperationspartnern aus Naturschutz, kommunalen Gebietskörperschaften, Wirtschafts- und Sozialpartnern. Gefördert wird es vom Bundesamt für Naturschutz und vom Bayerischen Naturschutzfonds. Als aktiver Verbundpartner begleitet der Bezirk Oberbayern bis 2019 das Projekt mit der Dialogreihe. Weitere Informationen unter www.alpenflusslandschaften.de.

Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an dem ersten Dialog in Benediktbeuern teil. Die Moderation des Tages übernahm Angela Braun vom Bayerischen Rundfunk. Im Folgenden finden Sie alle Vorträge und Diskussions­beiträge.

Texte: Ute Leitner
Fotos: Manfred Neubauer

Begrüßung und Einführung

Grußwort des stellvertretenden Bezirkstagspräsidenten Michael Asam


Michael Asam, Stellvertretender Bezirkstagspräsident von Oberbayern, bei der Veranstaltung am 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
Die Auftaktveranstaltung der Dialogreihe wurde eröffnet durch den stellvertretenden Bezirkstagspräsidenten Michael Asam, der sich über das große Interesse an der Veranstaltung freute und die Anwesenden im Namen des Bezirks Oberbayern begrüßte. „Naturschutz erfordert einen langen Atem“, sagte Asam einleitend und betonte: „Hier müssen wir dranbleiben.“ Wasser habe eine besondere Wirkung auf den Menschen, es tue ihm gut. Allerdings seien nur noch zehn Prozent der Flussläufe intakt. Der stellvertretende Bezirkstagspräsident sprach sich dafür aus, etwas zu tun, um die kostbaren Naturräume der Alpenflusslandschaften zu erhalten und stellte abschließend fest: „Brauchbare Lösungen finden wir nur durch den Dialog.“

Grußwort des Rektors vom Zentrum für Umwelt und Kultur Pater Karl Geißinger


Rektor des ZUK, Zentrum für Umwelt und Kultur, Pater Karl Geißinger, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
Die Bedeutung des Dialogs als „das Entscheidende im Leben“ betonte auch Pater Karl Geißinger, Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur, bei seiner anschließenden Begrüßung. Er zitierte aus der 2015 veröffentlichten Umwelt-Enzyklika „Laudato Si’“ von Papst Franziskus: „Ich lade dringlich zu einem neuen Dialog ein über die Art und Weise, wie wir die Zukunft unseres Planeten gestalten. Wir brauchen ein Gespräch, denn die Herausforderung der Umweltsituation und ihre menschlichen Wurzeln interessieren und betreffen uns alle.“ Die Enzyklika, so Geißinger, sei ein eindringlicher Appell an alle, sich um die Bewahrung der Schöpfung zu kümmern. Mit den Worten: „Wir brauchen intakte Flüsse, um zu erfahren, wo Leben herkommt und hinführt“ wünschte Pater Geißinger der Dialogreihe viel Erfolg.

Einführung von Moderatorin Angela Braun (Bayerischer Rundfunk)


Angela Braun - Moderatorin, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
Nach den Grußworten gab die Moderatorin Angela Braun, Journalistin beim Bayerischen Rundfunk, eine inhaltliche Einführung in die Thematik und erläuterte zunächst, was ein „Hotspot-Projekt“ ist: Es beschäftige sich mit – wörtlich übersetzt – Brennpunktregionen mit besonders vielen – überwiegend gefährdeten – Pflanzen- und Tierarten, die deutschlandweit elf Prozent der Gesamtfläche ausmachen. Das „Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften“ sei auf sechs Jahre angelegt und solle das Bewusstsein für bedrohte Flusslandschaften schärfen. Angela Braun stellte in diesem Zusammenhang die Projektleiterin Claire Tranter vom WWF Deutschland, dem federführenden Leadpartner, vor. Bei der heutigen Veranstaltung, kündigte Braun an, würden verschiedene Sichtweisen und Perspektiven beleuchtet. Mit einer Geschichte aus ihrem privaten Umfeld veranschaulichte sie die Bedeutung des Perspektivwechsels. Nach ein paar Hinweisen zum organisatorischen Ablauf leitete sie zum ersten Referenten der Veranstaltung Dr. Eberhard Pfeuffer über.


Einführungsvortrag

Dr. Eberhard Pfeuffer:  „Faszination Alpenflusslandschaften“

Forscher, Autor, Lechexperte Dr. Eberhard Pfeuffer, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, die Dialogreihe findet im Projektzeitraum 2015 bis 2019 jedes Jahr im Oktober statt. Sie wird vom Bezirk Oberbayern in Kooperation mit dem Zentrum fr Umwelt und Kultur Benediktbeuern e. V. (ZUK) und in Zusammenarbeit mit den Verbundpartnern des Hot- spot-Projekts durchgeführt, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
Mit viel Fachwissen, Engagement und aussagekräftigen Bildern vermittelte Dr. Eberhard Pfeuffer in seinem Einführungsvortrag die „Faszination Alpenflusslandschaften“. Die Grundlage zur Renaturierung von Wildflüssen sei die Wiederherstellung ihrer Dynamik. Denn nur durch die wechselnden Pegelstände mit periodisch einsetzenden reißenden Hochwassern könnten einzigartige Landschaftsbilder und Biodiversitäts-Hotspots sowie überregionale Verbundsysteme entstehen. „Diese einzigartigen Lebens- und Erlebnisräume sind bedroht, wenn nicht etwas Grundsätzliches geschieht“, betonte Dr. Pfeuffer und appellierte zusammenfassend: „Gebt unseren Flüssen wieder etwas von ihrer Wildheit zurück und lasst die Tiere und Pflanzen zurückkommen!“

Mehr zum Vortrag

Dr. Eberhard Pfeuffer (Jahrgang 1943) aus Augsburg ist Mediziner und war Vorsitzender des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schwaben e. V. (1996 bis 2013). Als Autor zahlreicher Publikationen beschäftigt er sich seit Jahren mit der Ökologie von Wildflussauen, darunter vor allem mit dem Lech. Zu Beginn seines Vortrags „Faszination Alpenflusslandschaften“ verdeutlichte er anhand eindrucksvoller Bilder, den Charakter und die Bedeutung von Wildflüssen. Der ständige Wandel aus Niedrig- und Hochwassern sei verantwortlich für die Dynamik eines Flusses, so Dr. Pfeuffer. Er hob die Bedeutung der wechselnden Pegelstände, welche die Geröllmassen an- und abtransportieren und immer neue Flussläufe und Kiesbänke – sogenannte „Umlagerungsstrecken“ – entstehen lassen, heraus.

Einzigartigkeit durch Dynamik

Durch diese Dynamik entstünden einzigartige Landschaftsbilder wie etwa der Flusslauf des Tagliamento im Friaul, der – laut Dr. Pfeuffer – „der letzte vollständig erhaltene Wildfluss der Alpen“ sei. Auch einzigartige Biodiversitäts-Hotspots könnten sich ohne diese Dynamik nicht entwickeln. In „Rezenten Auen“ seien sogenannte Zeiger-Arten vorhanden, die nur hier leben können (z. B. Knorpelsalat, Deutsche Tamariske, Wechselkröte). In „Fossilen Auen“, die kaum mehr überflutet werden, kommen Arten vor, die bei der Renaturierung behilflich sein könnten. Dazu gehören etwa Pflanzen wie der Frauenschuh und die Schneeheide und Tiere wie der Idas-Bläuling. Die wechselnden Pegelstände von Flüssen seien zudem verantwortlich für das Entstehen überregionaler Verbundsysteme. Allein durch die periodisch einsetzenden Überschwemmungen könnten sich hochalpine Arten entlang der Flüsse verbreiten und somit eine sogenannte „Biotop-Brücke“ spannen.

Kostbare Reste schützen

Im zweiten Teil seines Vortrags wandte sich Dr. Pfeuffer dem Ist-Zustand der Alpenflüsse zu. Um ihre fortschreitende Zerstörung und Verbauung deutlich zu machen, zeigte er im Vergleich historische und aktuelle Fotografien von Flusslandschaften. Jedoch räumte er auch ein: „Es gibt sie noch, die alten Flüsse.“ Als Beispiel ökologisch intakter Abschnitte nannte unter anderem die Obere Isar, die Loisach Moore, die Litzauer Schleife am Lech und erwähnte in diesem Zusammenhang die teilweise noch vorhandene Artenvielfalt. „Den Huchen und andere seltenste Tierarten gibt es – trotz herber Verluste – weltweit nur noch in unseren Flüssen.“ Diese kostbaren Reste der alten Flusslandschaften zählten, so Dr. Pfeuffer, immer noch zu den europaweit bedeutendsten, wenn auch in ihrem Fortbestand gefährdeten Biodiversitäts-Hotspots. Sie seien einzigartigen Lebens- und Erlebnisräume, die geschützt werden müssten, betonte der Referent und zitierte aus dem Artikel 1 des Bayerischen Naturschutzgesetzes, der mit dem Wortlaut beginnt: „Naturschutz ist verpflichtende Aufgabe für Staat und Gesellschaft sowie für jeden einzelnen Bürger und für jede einzelne Bürgerin.“ Dies sei eine wichtige Referenz für die Renaturierung, meinte Dr. Pfeuffer und betonte: „Gesetze sind einzuhalten!“

Präsentation zum Herunterladen (5,4 MB)

Impulse aus den Perspektiven

Wasserwirtschaft: Dipl.-Ing. Christian Wanger


Christian Wanger, Bayerisches Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften Foto: Manfred Neubauer
Im Impulsreferat zum Leitgedanken „Wie soll der Fluss der Zukunft aussehen?“ legte Christian Wanger vom Bayerischen Umweltministerium die Perspektive der Wasserwirtschaft dar. Am Beispiel der Isar, die zum Nutzen des Menschen (Energiegewinnung, Hochwasserschutz und Landgewinnung) stark verändert wurde, zeigte der Referent zunächst die sich aus den Verbauungen ergebenden Hauptprobleme auf. Anschließend stellte er Maßnahmen vor, mit denen versucht wird, Negativ-Entwicklungen wie dem Geschiebemangel und der Eintiefung des Flusses entgegenzuwirken. Jedoch, so berichtete Wanger aus seinem Berufsalltag, rufen geplante Renaturierungsmaßnahmen oft Konflikte zwischen verschiedenen Interessensgruppen hervor. Er betonte: „Mein Leitbild ist die Obere Isar. Jedoch werden wir noch mehr Wildflusslandschaften verlieren, wenn wir nicht weitere Maßnahmen realisieren.“

Mehr zum Vortrag

Christian Wanger (Jahrgang 1963) ist Leiter des Referats für „Wasserwirtschaft im ländlichen Raum, Gewässerökologie und Wildbäche“ im Bayerischen Umweltministerium. Zu seinen Aufgabengebieten gehören der Hochwasserschutz, die Gewässerrenaturierung bei den kleinen Gewässern in Bayern und der Schutz vor alpinen Naturgefahren. Der diplomierte Bauingenieur leitete von 2007 bis 2011 das Wasserwirtschaftsamt in Weilheim und war dort schwerpunktmäßig mit den Flüssen Isar, Loisach und Ammer beschäftigt. In seinem Vortrag konzentrierte sich Wanger auf die Isar, deren Flusslauf in vielen Abschnitten in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert wurde. Sie sei ein symptomatisches Beispiel dafür, welch große Nachteile für Natur und Landschaftsbild durch diese Eingriffe entstünden.

Interessenskonflikte bei Renaturierung

Das Hauptproblem der Isar, betonte Wanger, seien die großen Wasserableitungen – beispielsweise schon im oberen Verlauf bei Krün. Durch den Sylvensteinspeicher und insgesamt 14 Wasserkraftwerke sei der Fluss zerstückelt und durch Schutzverbauungen in seinem Lauf korrigiert und eingeengt worden. Das führe dazu, dass Geschiebe nicht weitertransportiert werden können und sich die Isar immer weiter vertiefe. „Die Obere Isar oder auch die Pupplinger Au zeigen, was für ein Potenzial die Isar hätte, wenn sie sich entfalten könnte“, betonte Wanger. Realität seien jedoch der Verlust von Natur und die Verarmung des Landschaftsbildes. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, werden – so Wanger – laufend Maßnahmen geplant und realisiert, die bei den unterschiedlichen Interessensgruppen jedoch nicht immer auf Zustimmung stoßen.

Erfolgreich bei gemeinsamen Projekten

Als Beispiel für eine kontrovers diskutierte Maßnahme nannte Wanger die „Geschiebezugabe“. Durch die künstliche Zugabe von Kies trübe sich das Wasser, was bei Fischern keine Begeisterung hervorrufe. Jedoch betonte er: „Ohne Geschiebe verlieren wir Landschaften wie die Ascholdinger Au bei Geretsried.“ Auch plane man an verschiedenen Stellen Verbauungen und Uferbefestigungen zu entfernen, um der Isar ihren natürlichen Lauf zurückzugeben. In diesem Zusammenhang erwähnte Wanger die geplante Renaturierung der Isar an der Bibermühle, die aufgrund von Anwohnerwiderständen seit Jahren feststecke. Er betonte aber auch, dass sich unterschiedliche Positionen mit der Zeit annähern könnten – zum Beispiel im Rahmen gemeinsamer Projekte. Zum Beispiel habe man an einer Stelle der Isar zusammen mit einem Fischereiverein Totholz eingebracht. Das habe dazu geführt, dass sich viele junge Huchen dort angesiedelt hätten, berichtete Wanger. Das sei „ein toller Erfolg“.

Präsentation zum Herunterladen (2,1 MB)

Naturschutz: Prof. Dr. Michael Reich


Prof. Dr. Michael Reich, Insitut für Umweltplanung, Leibniz Universität Hannover, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, Foto: Manfred Neubauer
In seinem Kurzvortrag ging Prof. Dr. Michael Reich vor allem auf den Einfluss des Klimawandels auf die Biodiversität der Alpenflusslandschaften ein. Die damit zusammenhängenden extremen Hoch- und Niedrigwasserstände sowie die Wassererwärmung werden Auswirkungen zeigen, so der Experte. Dabei werden sich „erhebliche Unterschiede in der strukturellen Vielfalt“ zeigen. Sein Fazit zu den Auswirkungen des Klimawandels lautete: „Es wird Gewinner und Verlierer geben.“ Jedoch, so räumte Prof. Reich ein, habe das Ökosystem einen stärkeren Einfluss auf die Biodiversität als das Klima. Im Hinblick auf die Artenvielfalt und den Hochwasserschutz bräuchten die Alpenflüsse künftig mehr Raum.

Mehr zum Vortrag

Prof. Dr. Michael Reich ist Professor für Landschaftsökologie und Naturschutz am Institut für Umweltplanung an der Leibniz Universität Hannover und beschäftigt sich aktuell mit dem naturverträglichen Ausbau erneuerbarer Energien. Der Biologe führt seit 1986 wissenschaftliche Untersuchungen an der Oberen Isar, an der Linder und anderen kleineren Fließgewässern durch und erstellt Fachgutachten. In seinem Impulsreferat beleuchtete er die Perspektive des Naturschutzes zur Leitfrage „Wie sollen die Alpenflusslandschaften in der Zukunft aussehen?“, indem er sich zunächst dem Thema Klimawandel zuwandte. „Das ist ein Thema, das auf die Alpenflüsse zukommen wird“, betonte Prof. Reich. Extreme Hoch- und Niedrigwasserereignisse und die damit zusammenhängende Wassererwärmung werden zum einen Auswirkungen auf die strukturelle Vielfalt haben. Er erläuterte diesen Aspekt anhand schematischer Querschnitte durch Ausleitungsstrecken an der Isar (Vorderriss), wo Auen noch vollständig erhalten sind, sowie an der Rhone bei Grenoble und am Lech bei Gersthofen, wo die Ausleitungsstrukturen nicht mehr völlig intakt sind.

Gewinner und Verlierer des Klimawandels

Zum anderen beeinflusse der Klimawandel auch die Biodiversität, betonte Prof. Reich. So werde es Gewinner und Verlierer geben, prophezeite der Wissenschaftler und erklärte: „Manche Arten werden verschwinden, manche neu auftreten.“ Trotzdem, betonte er, werden Flüsse und Auen auch künftig Hotspots der Biodiversität darstellen, wenn es gelinge, die zentralen Rahmenbedingungen für eine naturnahe Auendynamik zu erhalten beziehungsweise sie an die zu erwartenden Veränderungen anzupassen. Zusammenfassend betonte Prof. Reich: „Alpenflüsse werden künftig mehr Raum brauchen. Das ist gut für Biodiversität und Hochwasserschutz.“

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Landwirtschaft: Hans Foldenauer


Hans Foldenauer, Sprecher Bundesvorstand Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e.V. und Milchbauer, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, Foto: Manfred Neubauer
Die Sicht der Landwirtschaft auf den Themenkomplex „Alpine Flusslandschaften“ legte Hans Foldenauer vom „Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e. V.“ (BDM) dar. Er referierte zunächst die Leitlinien des Verbandes und betonte: „Wir wagen den Blick über den Tellerrand und lassen andere Interessen nicht außen vor.“ Er erläuterte ausführlich die schwierige Situation der Landwirte, die sich dem enormen Preis- und Kostendruck des globalisierten Wettbewerbs stellen und immer mehr auf immer weniger Fläche produzieren müssten. Jedoch stehe der BDM für eine in Generationen denkende auf Kreislaufgedanken basierende Landwirtschaft, betonte Foldenauer und fügte hinzu: „Dazu gehören Pflege und Erhalt der uns umgebenden Naturlandschaft mit ihrer Vielfältigkeit.“

Mehr zum Vortrag

Hans Foldenauer ist Sprecher des Bundesvorstandes vom „Bundesverband Deutscher Milchviehhalter e. V.“ (BDM). Er war zunächst als Bankkaufmann tätig, bevor er 1981 den elterlichen landwirtschaftlichen Betrieb übernahm und parallel dazu eine Ausbildung zum Landwirtschaftsmeister absolvierte. Seit den 1990er-Jahren ist Hans Foldenauer in berufsständischen Verbänden engagiert. Er ist Mitbegründer des BDM und zuständig für die Entwicklung und Umsetzung von Verbandsstrategien sowie Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. In seinem Impulsreferat stellte er zunächst die Leitlinien des BDM vor. Dazu gehörten eine gesellschaftsverträgliche Milchwirtschaft, eine wirtschaftlich nachhaltige Entwicklung der Betriebe und der ländlichen Räume sowie die Unabhängigkeit von öffentlichen Haushalten.

Bäuerliche Landwirtschaft steht auf dem Spiel

Auf die Frage, wie der Alpenfluss der Zukunft aussehen soll, habe er keine Antwort, sagte Foldenauer. „Uns Landwirten geht es aber ähnlich wie den Flüssen“, räumte er ein. „Auch wir merken deutlich einen Rückgang.“ Er erläuterte, dass Milchbauern zwar immer mehr Technik und Know-how zur Verfügung haben, aber auch immer mehr Verantwortung, dafür immer mehr Milchmengen zu produzieren – und das auf immer weniger Flächen. Der Landwirt veranschaulichte mittels einer Grafik die Entwicklung der Rohmilchpreise in Deutschland im Vergleich mit Neuseeland und den USA. „Um in diesem Wettbewerb bestehen zu können, sind wir angewiesen auf jeden Quadratzentimeter Grund.“ Durch die Ausrichtung der Agrarmarktpolitik mit ihrem enormen Preis- und Kostendruck, mit dem Zwang zur Intensivierung und den regelmäßig wiederkehrenden Marktkrisen stehe die bäuerlich geprägte Landwirtschaft auf dem Spiel.

Dialog statt Konfrontation

Abschließend betonte Foldenauer, dass es bei allen Interessensdifferenzen der Dialog wichtiger sei als die Konfrontation: „Schuldzuweisungen bringen uns nicht weiter.“ Er plädierte dafür, Umwelt- und Naturschutzprogramme wirtschaftlich interessant anzubieten und die Maßnahmen noch stärker in „Regionalprogrammen“ – wie zum Beispiel das Flussuferrind für die Gastronomie – einzubinden.

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Tourismus: Dr Martin Spantig


Martin Spantig, Geschäftsführer Bayern Tourismus Marketing GmbH, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
„Die Menschen haben Sehnsucht nach einem Pausenknopf, nach einer Auszeit aus dem beschleunigten Leben.“ Dies war die zentrale These von Dr. Martin Spantig, der in seinem Kurzvortrag die Sicht der Tourismuswirtschaft auf die Zukunft der alpinen Flusslandschaften darlegte. Zunächst referierte er die Ergebnisse der Reiseanalyse 2014, die gezeigt hätte, dass Urlauber in der Natur vor allem Abstand zum Alltag gewinnen, entspannen und frische Kraft tanken wollen. Der Tourismusexperte leitete daraus ab, dass Ruhe, Stille und innere Einkehr zu einem Hauptmotiv für den Urlaub werden. Bayern Tourismus reagiere auf diese Entwicklung mit speziellen Urlaubsangeboten, die stille Naturräume in den Mittelpunkt rücken. Abschließend betonte er: „Die alpinen Flusslandschaften werden in der Zukunft einen neuen Wert gewinnen.“

Mehr zum Vortrag

Dr. Martin Spantig ist promovierter Kunsthistoriker, arbeitete an verschiedenen Museen und war in der Kulturtourismusforschung an verschiedenen Universitäten tätig. Bei der Bayern Tourismus Marketing GmbH entwickelte er die Linie „Lust auf Natur“, betreute den Bereich „Kunst und Kultur“ und ist heute ihr Geschäftsführer. Außerdem ist er Vize-Präsident beim Deutschen Tourismus Verband und Mitglied des Beirats beim Haus der Bayerischen Geschichte, des DWI und der Tourismusfakultät der Hochschule München. In seinem Kurzvortrag betonte er einleitend, dass die Nachfrage nach Natururlaub in Bayern seit Jahrzehnten ungebrochen beziehungsweise sogar gestiegen ist. Ergänzend dazu referierte er Ergebnisse der Reiseanalyse 2014. Die Entscheidung für einen Natururlaub, so hätten die Befragten geantwortet, setze voraus, „dass ich mich in der freien Natur bewegen kann (81 Prozent), „dass ich mich entspannen und erholen kann“ (80 Prozent) und „dass ich die Ruhe genießen kann“ (77 Prozent).

Sehnsucht nach Ruhe und Entschleunigung

Der Tourismusexperte leitete daraus die Zukunftsthese ab, dass die Sehnsucht nach Ruhe und Stille den an erster Stelle stehenden (Urlaubs-)wunsch nach Sonne überlagern werde. „Das beschleunigte Lebenstempo, die Notwendigkeit zum Multitasking – zum ‚Always on’ – die gestiegene ökonomische Produktivität und Effizienz lassen in uns eine Sehnsucht nach Entschleunigung laut werden“, bekräftigte Dr. Spantig, und fügte hinzu: „Immer mehr Menschen suchen daher das natürliche, authentische Leben und das Zwiegespräch mit sich selbst – und finden dies in der Natur oder auch im klösterlichen Raum.“ Die Aufgabe der Zukunft werde daher sein, das Thema Natur in Bayern noch stärker mit dem Faktor Ruhe zu verbinden. Dr. Spantig zählte einige neu entwickelte Urlaubsangebote auf, welche diese beiden Aspekte miteinander verbinden, darunter „Stille Nächte in Bayern“, „Mitmachangebote in der Natur“, „Spirituelle Auszeit in Bayern“ und „Momente der Stille“. Hierbei ergebe sich auch eine neue Rolle für die alpinen Flusslandschaften, betonte der Bayern Tourismus-Chef.

Präsentation zum Herunterladen (930 KB)

Kirche: Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler


Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler, Hotspot-Projekt Alpenflusslandschaften, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
In ihrem Impulsreferat erläuterte Susanne Breit-Keßler die Rolle der Natur aus kirchlicher Sicht. „Wasser ist Lebenselixier und Kraftquelle“, betonte sie zu Beginn ihres Vortrags. Alle christlichen Kirchen seien mit Flüssen durch die Taufe Jesu im Jordan verbunden. Flüsse seien Teil der Schöpfung Gottes. Die Menschen als weiterer Teil der Natur müssten diese schützen und bewahren. Gott übertrage ihnen Verantwortung dafür. Daher sei der Naturschutz auch ein großes Anliegen der Kirche. Diese unterstütze intensiv die Umweltbildung, bekräftigte die Regionalbischöfin und appellierte abschließend ans Auditorium: „Wir sollten dankbar sein, wir sollten aber auch wachsam sein. Wir haben zu handeln!“

Mehr zum Vortrag

Susanne Breit-Keßler ist seit 2001 Oberkirchenrätin und Regionalbischöfin für München und Oberbayern und seit 2003 ständige Vertreterin des Landesbischofs der Evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie wurde sie 1984 zur Pfarrerin ordiniert und arbeitete zunächst im Schuldienst. Nach dem Abschluss einer journalistischen Ausbildung war sie als Publizistin und Korrespondentin für den Bayerischen Rundfunk tätig. Zu Beginn ihres Kurzvortrags sagte sie: „Als Kirche können wir gar nicht anders als Flüsse wertzuschätzen.“ Sie seien Ort der Taufe Jesu und der Gegenpol zur menschengemachten Gleichförmigkeit. Im Christentum sei die Natur Kreatur und nicht – wie etwa im Hinduismus – selbst göttlich. „Und wir sind ein Teil von ihr.“ Jedoch stelle, so betonte die Regionalbischöfin, die Entzauberung der Natur auch eine Gefahr dar. Denn sie befördere den rücksichtslosen, interessensgeleiteten Umgang des Menschen mit der Natur. Jedoch habe Gott dem Menschen die Verantwortung für die Schöpfung übertragen.

Wasser ist Nahrung für die Seele

Dieser Verantwortung sei man sich in den vergangenen Jahrzehnten stärker bewusst geworden, sagte Breit-Keßler. Die Bewahrung der Schöpfung sei zentrales Anliegen der Kirche, erklärte sie, berichtete von verschiedenen Maßnahmen der Kirche für den Naturschutz und erwähnte in diesem Zusammenhang das Umweltmanagementsystem „Grüner Gockel“. Der Kirche sei es zudem ein wichtiges Anliegen, besonders bei Kindern und Jugendlichen Dankbarkeit und Respekt für die Welt zu wecken, auf der die Menschen leben dürfen. „Der spirituelle Tourismus boomt“, erläuterte die Regionalbischöfin und erklärte, dass viele Menschen in den Bergen nicht nur Ruhe und Erholung, sondern im Gespräch über Gott und die Welt auch Antwort auf viele Lebensfragen finden könnten. „Die Menschen kommen auch wegen dem Wasser, denn es ist Nahrung für die Seele“, betonte sie.

Himmel, Erde, Luft und Meer

Regionalbischöfin Breit-Keßler schloss ihren Vortrag mit dem Aufruf: „Wir haben zu handeln!“ Vorher verlas sie den Text des Kirchenliedes „Himmel, Erde, Luft und Meer aus dem Jahr 1680, der die Bedeutung und Wertschätzung der Natur und ihrer Artenvielfalt in der christlichen Weltanschauung ausdrückt:

Interview mit der Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler

Impressionen der Veranstaltung

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Rund 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer nahmen an dem ersten Dialog in Benediktbeuern teil. 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Eine begleitende Ausstellung informierte über das Hotspotprojekt »Alpenflusslandschaften«, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Joachim Kaschek informierte über die Maßnahmen an der Isar, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer

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Auf dem Podium: von links: Dr. Spantig, Herr Wanger, Prof. Reich 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Rege Diskussionen auf dem Podium und im Auditorium, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Regionalbischöfin Breit-Kessler im Gespräch mit Pater Geißinger und stellvertretenden Bezirkstagspräsident Asam, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer

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Die Möglichkeit zur Diskussion wurde in der Pause und nach der Veranstaltung rege genutzt, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Ein wichtiger Diskussionsbeitrag zur Kiesproblematik an der Oberen Isar kam von Hans Peter Schanderl, dem Isarbeauftragten des Kreisfischereivereins Garmisch-Partenkirchen, 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Elisabeth Wölfl ist für das Zentrum für Umwelt und Kultur Benediktbeuern maßgeblich an der Organisation der Dialogreihe beteiligt. 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer

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Ina Stenzel und Petra Dörrbecker vom Bezirk Oberbayern organisieren die Dialogreihe federführend. 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Zustimmung aus dem Auditorium. 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer
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Nach der Veranstaltung konnten sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit einem Imbiss stärken. 22.10.2015, Foto: Manfred Neubauer



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