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Kategorie: Gesundheit
18.02.2016

Flüchtlingskrise: „Wir haben die Verantwortung zu helfen“

Fachtag im Bezirk Oberbayern für Akteure des Sozialwesens zur Versorgung von Asylsuchenden

„Dialog und Brücken bauen“: Unter diesem Leitmotiv hat im Bezirk Oberbayern ein Fachtag mit Vertretern aus Politik, Verbänden und Sozialkassen über die Auswirkungen der Flüchtlingskrise auf die sozialpsychiatrische Landschaft stattgefunden. Ziel des Treffens war unter anderem die Vernetzung aller Akteure, um Empfehlungen für ein gemeinsames Handeln zu entwickeln.

An dem Fachtag nahmen neben Mitgliedern des Bezirkstags Vertreter der kommunalen Spitzenverbände, Krankenkassen, Rentenversicherung, Regierung von Oberbayern, Träger der freien Wohlfahrtspflege sowie der kbo-Kliniken teil. Organisiert und durchgeführt hat das Treffen das im Bezirk angesiedelte Gremium Gesundheit-, Sozial- und Versorgungsplanung (GSV), dem alle genannten Organisationen angehören.

Laut Bezirkstagspräsident Josef Mederer ist der Bezirk von der Flüchtlingskrise als Träger der psychiatrischen Versorgung in einer seiner Kernkompetenzen betroffen, aber zugleich in einer schwierigen Lage. Für Behandlung und Therapie von Flüchtlingen in psychiatrischen Kliniken sowie Sozialpsychiatrischen Diensten und Suchtberatungsstellen gebe es strenge gesetzliche Hürden. „Das ist für uns eine schwierige Situation“, so Mederer. „Wir sind de jure nicht zuständig, de facto aber stark betroffen.“

Hintergrund ist, dass Flüchtlinge nach dem Asylbewerber-Leistungsgesetz keine Leistungen der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen in Anspruch nehmen dürfen. Gleichwohl sind viele Asylsuchende wegen ihrer Kriegs- und Fluchterlebnisse traumatisiert und von psychischen Behinderungen bedroht. Psychiatrische Kliniken dürfen beispielsweise nur die Akutversorgung leisten und keine längerfristigen Therapien anbieten. Auch die Sozialpsychiatrischen Dienste dürften als Beratungsstellen für Menschen mit seelischen Behinderungen keine Flüchtlinge versorgen. Der Bezirkstagspräsident sagte: „Wir haben die Verantwortung zu helfen, wenn ein Mensch mit einem Kriegstrauma vor der Tür steht.“ Der Bezirk Oberbayern werde deshalb keine Weisung an die Dienste erteilen, „dass sie Flüchtlinge nicht beraten dürfen.“

In Oberbayern leben derzeit rund 42.000 Flüchtlinge gegenüber 16.000 im Januar 2015. Hinzu kommen rund 8600 minderjährige unbegleitete Flüchtlinge.

Das kbo-Isar-Amper-Klinikum hat 2015 rund 600 Flüchtlinge vor allem mit posttraumatischen Belastungsstörungen und Depressionen stationär und ambulant versorgt. Flüchtlinge machen bisher also nur einen kleinen Teil der jährlich insgesamt rund 50.000 Patienten der Klinik aus. „Das gefühlte Problem ist größer als das tatsächliche“, resümierte Margitta Borrmann-Hassenbach, stellvertretende kbo-Vorstandsfrau. Anders sieht es beim kbo-Heckscher-Klinikum aus, einem der bundesweit größten Fachkrankenhäuser für Kinder- und Jugendpsychiatrie. 2015 wurden dort 158 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge stationär versorgt – also rund zehn Prozent der insgesamt 1600 stationären Fälle. Die häufigsten Störungen sind auch hier posttraumatische Belastungssyndrome und Depressionen.

In einem beeindruckenden Impulsreferat schilderte die stellvertretende Leiterin von ALVENI – Sozialdienste für Flüchtlinge, Carmen Boluarte, einzelne Flüchtlingsschicksale und Problemlagen in den Unterkünften. Insbesondere die große Belastung durch unterschiedliche Zuständigkeiten und lange Bearbeitungszeiten wurde am Beispiel dieser Schicksale eindringlich dargestellt.

Um schneller, niedrigschwelliger und flexibler helfen zu können, regte der Fachreferent für psychische Gesundheit der Caritas München, Gerd Mendel, die Einrichtung sozialpsychiatrischer Beratungsdienste in den Flüchtlingsunterkünften an. Erforderlich seien auch tagesstrukturierende Angebote. Zudem müssten die ehren- und hauptamtlichen Kräfte in den Unterkünften befähigt werden, auf seelische Krisen der Asylsuchenden angemessen zu reagieren. Der Aufenthalt in regionalen Schutz- und Rückzugsräume (Krisenpensionen) könnte zur Deeskalation beitragen, wenn traumatisierte Flüchtlinge eine Aufnahme in eine psychiatrische Klinik ablehnten.

Die am Fachtag beteiligten Organisationen vereinbarten verbindlich ihre weitere Zusammenarbeit. In mehreren Arbeitsgruppen sollen weitere konkrete Schritte festgelegt werden. Des Weiteren ist der Aufbau einer Wissens- und Informationsplattform geplant.

Weitere Informationen für die Medien bei Constanze Mauermayer
Telefon: 089 2198 90011
E-Mail: Constanze.Mauermayer@bezirk-oberbayern.de

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Fachtag für Akteure des Sozialwesens zur Versorgung von Asylsuchenden im Bezirk Oberbayern: Bezirkstagpräsident Josef Mederer am Rednerpult

Foto: Wolfgang Englmaier

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Im Gespräch: Oberbayerns Bezirkstagspräsident Josef Mederer; Prof. Dr. med. Franz Joseph Freisleder, Ärtzlicher Direktor des kbo Heckscher Klinikums; Prof. Dr. Volker Mall, Ärztlicher Direktor des kbo-Kinderzentrums München (v.l.n.r.)

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Dr. Margita Bormann-Hassenbach, Leiterin des kbo-Vorstandbereichs Medizin und Qualitätssicherung und Geschäftsführerin des kbo-Kinderzentrums München (links); Ulrike Wenzig, Leiterin Klinische BEteilligungen und Gesundheitswesen des Bezirks Oberbayern (rechts)

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Fachtag für Akteure des Sozialwesens zur Versorgung von Asylsuchenden im Bezirk Oberbayern: Panorama des Sitzungssaals

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Ansprechpartner/in

Constanze Mauermayer
Pressestelle: Stellvertretende Leitung, Soziales
Telefon: 089 2198-90011
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