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Kolumne Heimatspitze

Faschingsdienstag 50erJahre München
Foto: Paul Ernst Rattelmüller © Fachberatung Heimatpflege

Vom Affenstall zum Heiliggeistloch

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Wer meint, das Phänomen „social distancing“ sei eine moderne, durch Corona gestiftete, gesellschaftliche Einrichtung, täuscht sich gewaltig, vielmehr sind Phänomene gesellschaftlicher Trennung uralte Bestandteile der Sozialgeschichte, auch der bayerischen! Entgegen der Lyrik der Fremdenverkehrs- und Gastronomieverbände war zum Beispiel das bayerische Wirtshaus nur selten ein Hort von Integration und Gemeinsinn. Man ging nicht in ein Wirtshaus, zu dem man gerade Lust hatte, sondern in eines, das einem schichtenspezifisch zustand. Die Honoratioren in die Tafern- und Brauereigasthäuser, die Bauern in die Bauernwirtshäuser und die Arbeiter in die Arbeiterkneipen. Für Knechte und Mägde, Künstler und andere Underdogs blieben zwielichtige Stopselwirtschaften, Gassenschänken und Branntweinstuben. Auch im nur scheinbar egalitären Biergarten oder Volksfest war es undenkbar, dass sich der Knecht - mir nichts dir nichts - an den Tisch seines Großbauern gesetzt hätte, um mit ihm Brüderschaft zu trinken.
Augenscheinlichstes Symbol der sozialen Trennung im Gastronomischen war der sogenannte „Affenstall“, ein durch Latten abgegrenztes Geviert in der Wirtsstube, in das nur Pfarrer, Bürgermeister und Großbauern Zutritt hatten, um darin ihren allabendlichen Tarock oder Schafkopf zu spielen. Der „Affenstall“ war eine Notlösung in Orten, die nur über ein einziges Wirtshaus verfügten. Dieser Verschlag hatte aber auch seine Vorteile: Die Honoratioren waren zwar unter sich, konnten aber doch mit einem Ohr lauschen, welch aufrührerische oder ketzerische Reden unter ihren Untertanen gehalten wurden. Selbstredend, dass sich der Begriff „Affenstall“ eher in den Reihen der Subalternen der Beliebtheit erfreute, selber bevorzugten die Honoratioren Begriffe wie „Salettl“ oder „Haimlichkeit“!
Was den Honoratioren des Dorfes Recht war, war dem Landadel billig. Das Bekenntnis zu christlicher Brüderlichkeit führte keineswegs so weit, sich am Sonntagsgottesdienst unter das gemeine Volk zu mischen. Da zwängte man sich schon lieber eine enge Wendeltreppe hinauf in die Gebetsnische, die allein für den Hofmarksherrn und seine Familie reserviert war. Dort war man nicht nur dem Bauernvolk und seinen Stallgerüchen fern, sondern dem eucharistischen Geschehen in der Apsis nahe. Mehr noch, das Heiliggeistloch über dem Haupt ließ erhoffen, einer kleinen Portion geistlicher Inspiration direkt von Sender, also ohne Umweg priesterlicher Verballhornung, teilhaftig werden zu dürfen. Und dass man dem neuen, vielleicht herzjesuroten Kaplan von oben her ein wenig in sein Predigtmanuskript schauen konnte, mochte ja auch nicht schaden.
Ob also Affenstall oder Heiliggeistloch, social distancing erfreute sich immer schon einer gewissen Beliebtheit, wenn es darum ging, Abstand zu schaffen. Da sind die heutigen Einmeterfünfzig ja geradezu sozialistisch gering!

"Franzosenkrankheit"

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

In einer Zeit, in der die Angst vor infektiöser Ansteckung fast schon wieder mittelalterliche Züge annimmt, sei an einen „Gesellenaufstand“ der besonderen Art erinnert, über den die Münchner Stadtchronik im Jahr 1498 berichtet. Über hundert Gesellen aus München und Umgebung belagerten das einzige Bordell der Stadt, Frauenhaus genannt, um das Etablissement niederzubrennen, die entsprechenden Weibsbilder zu vertreiben und den „Frauenwirt“ zu erschlagen. Was war geschehen? Eine neue Seuche hatte sich breit gemacht und bei den Freiern Angst und Schrecken verbreitet – die „Franzosenkrankheit“, die Syphilis. Nur mit Einsatz von Bürgerwehr und Militär konnte der „Gesellenaufstand“ im Rotlichtmilieu zurückgedrängt werden. Dabei war das damalige Frauenhaus schon Ausdruck eines gewissen sozialen Fortschritts gewesen. Ursprünglich waren die Prostituierten im Haus des Stadthenkers untergebracht und diesem auch „unterstellt“, was immer das bedeuten mochte. Später beschloss der Rat der Stadt „zum Schutz der Frauen und Jungfrauen“ die Errichtung eines öffentlichen, städtischen Freudenhauses. In der Mühlgasse im Angerviertel (nota bene im heutigen Sperrbezirk!) wurde auf städtische Kosten ein Neubau mit zwölf Kammern geschaffen. Geistlichen, Juden und Ehemännern blieb der Eintritt – zumindest offiziell - verwehrt. Fast zweihundert Jahre funktionierte dieses Modell. Dann wurde das Haus Ende des 16. Jahrhunderts geschlossen, Prostitution und Ansteckungsgefahren aller Art aber blieben bestehen. So strömten zu Zeiten des Oktoberfests Jahr für Jahr Tausende von Prostituierte aller Herrn Länder nach München, um ihr gefühlechtes Geschäft zu betreiben. Dass daraus heuer nichts wird, hat seinerzeit nicht einmal die Franzosenkrankheit geschafft.

Es ist halt a Kreiz

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Es ist halt a Kreiz! Dass auch Literaturnobelpreisträger ihre Sprache nicht immer im Griff haben, weiß man nicht erst seit den unflätigen Ausfällen von Peter Handke, der seinen Gegnern gelegentlich, aber unmissverständlich „kollektiven Selbstmord“ oder ähnliche Freundlichkeiten empfiehlt. Weitaus harmloser sind da die Vergehen des honorigen Thomas Mann, der sich aber doch auch eine peinliche Übergriffigkeit erlaubte, nämlich die auf die bairische Sprache. Dass er in seinen „Buddenbrooks“ (1901 erschienen) sein einziges oberbayerisches Personal, nämlich den Hopfenhändler Alois Permaneder, mit allen Attributen des literarischen Oberbayern-Klischees ausstattete: „In der einen seiner kurzen, weißen und fetten Hände hielt der Herr seinen Stock, in der anderen ein grünes Tirolerhütchen mit einem Gemsbart!“, mag ja noch hingehen. Wie er aber diesen Herrn sprechen lässt, zeugt doch von einer gewissen Beratungsresistenz des Autors, der zwar das Lübecker Platt hervorragend und wortgewaltig beherrschte – aber halt nicht das Bairische. „München is koane Geschäftsstadt. Da will ein jeder sei Ruah!“, lässt er den Permaneder räsonieren. „I donk scheen, i nehm schon noch a Glaserl.“ Und wieder kommt der – natürlich – rotgesichtige und mit einem „Seehundsbart“ ausgestattete Hopfenhändler auf München zu sprechen: „Er sprach den Namen seiner Vaterstadt stets in einer Weise aus, dass man nur erraten konnte, was gemeint war!“ Weiter geht es so: „Mein Kompagnon hatt allweil nach Nürnberg wolln, weil da hams a Börs’ und an Unternehmergeist. Aber i verlass mei München nöt. Dös fei nöt. Es is halt an Kreiz!“. Nun, in Letzterem könnte man dem ansonsten genialen Schöpfer der Buddenbrooks durchaus Recht geben!

Spezielle Geburtstagsgrüße

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Dieser Tage feiert die Gemeinde Karlsfeld im Münchner Norden ihren achtzigsten Geburtstag. Was dort Anlass für ein respektables Fest ist, provoziert anderorts bestenfalls ein wohlwollend-nachsichtiges Lächeln. Achtzig Jahre? Bayern ist voll von tausend-, eineinhalbtausend-, ja, zweitausendjährigen Orten. Was sind da schon achtzig Jahre? Aber Vorsicht vor Überheblichkeit! Natürlich, die Hochglanzprospekte von Tourismus-Agenturen und Heimatministerien strotzen geradezu von vollbusigen Barockkirchen, dramatischen Gebirgskulissen und verwitterten Alp-Öhis! Dieses Klischee hat mit der gesamtbayerischen Wirklichkeit wenig zu tun, generiert aber neben einem fragwürdigen, touristischen Mehrwert ein mitunter unerträgliches Mia-San-mia-Gehabe. Zumindest bildet es nicht die Leistung jener Kommunen ab, die, in historisch schweren Zeiten gegründet, nicht wenig zum Erfolg des heutigen Bayerns beigetragen haben: Penzberg, Neugablonz und Geretsried, Traunreut und Kolbermoor, Moosach und Allach, Ludwigsfeld - und eben Karlsfeld, um nur ein paar von ihnen zu nennen. Ihr Bestehen war ihnen nicht garantiert, ihre Geschichte hätte auch in sozialem Chaos scheitern können. Über ihren unermüdlichen Einsatz, nach 1945 Heimatvertriebene, später Gastarbeiter aller Herren Länder zu integrieren, berichten jene besagten Klischeeritter wenig bis nichts. Dabei könnte man gerade von solchen Kommunen viel lernen, was das Miteinander unterschiedlichster Kulturen betrifft. Zum Beispiel, dass es in Ludwigsfeld bereits 1945 eine Moschee und einen buddhistischen Tempel gab, einfach, weil es den Seelen der dorthin Verschlagenen danach verlangte. Oder, dass in Karlsfeld seit Generationen Dutzende unterschiedlicher Nationalitäten friedlich zusammenleben. Wenn das nicht ein Grund zum Feiern ist - und ein Anlass für die besten Glückwünsche zum achtzigsten Geburtstag!


Over-churched

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Könnten Sie sich vorstellen, in der berühmten Wieskirche eine Geisterbahn vorzufinden, in der Münchner Theatinerkirche eine Parkgarage oder in der romanischen Basilika von Urschalling eine Nobeldisko? Nein, natürlich nicht, kein vernünftiger Mensch kann das wollen, obwohl in manchen unserer Nachbarländer derlei durchaus zu finden ist. Solche Auswüchse sollten aber nicht als Totschlagargument gegen zeitgemäße und stilvolle Umnutzungen liturgischer Räume herhalten. Auch in Bayern häuft sich die Zahl der Kirchen und Kapellen, die das ganze Jahr über keine gottesdienstliche Nutzung mehr haben, dem Kirchensteuerzahler, aber auch der weitgehend säkularen Gesellschaft indes hohe denkmalschützerische Kosten aufbürden. Wir sind „over-churched“ klagte ein leidgeprüfter Pfarrer einmal süffisant sein Leid. Dabei gibt es mittlerweile gute Beispiele einer kulturell hochwertigen Nutzung von ehemaligen Kirchen. Kein Münchner möchte mehr auf die Allerheiligenhofkirche als Vortrags- und Konzertsaal verzichten, kein Burghausener auf das neugeschaffene Kulturzentrum „Studienkirche St. Josef“. Auch Bibliotheken und Galerien haben schon in Sakralräumen eine neue Heimat gefunden. Durchaus möglich sind Doppelnutzungen, wie die großartig umgestaltete Kirche St. Moritz in Augsburg zeigt, wo sich tagsüber viele Menschen zum Gebet, abends aber Kunstliebhaber zum Konzert treffen. Mit Kreativität und gutem Willen geht vieles! Das wussten schon unsere Vorfahren, die in manchen Gegenden Bayerns „Simultankirchen“ schufen, in denen sich Katholiken und Protestanten gleichermaßen (wenn auch nicht gleichzeitig) wohl fühlten. Ein lustiges Relikt dieser Zeit: Eine Madonna, die bei katholischer Nutzung den Hochaltar ziert, bei evangelischer Nutzung aber per Knopfdruck hydraulisch im Keller verschwindet. Not sollte zumindest eines machen – erfinderisch!


Familie Gänswürger von Deppenhausen

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Wenn man nicht grad ein Hochwohlgeborener war und mit Jagd, Festschmaus und höfischem Lustspiel seine notorische Langeweile bekämpfen konnte, dann mussten unsere Vorfahren zu den kleinen Freuden des Lebens zurückgreifen, die da hießen: die Bewohnerschaft von Nachbardörfern „derbläcken“ und ihnen möglichst ehrabschneidende Bezeichnungen andichten. Die schönsten Ortsnamen sind auf diese Weise entstanden und die jeweiligen Bürgermeister kommen gar nicht nach, ihre Ortsschilder neu anschrauben zu lassen, so schnell sind sie wieder von Souvenierjägern geklaut. Die Rede ist von Orten wie Deppenhausen und Narrenhofen, Laushofen und Schupfalaich, Sixtnitgern und Übelmanna. Alles Dörfer, die man auf der heimatlichen Landkarte findet oder zumindest fand. Sogar einen Ort namens Satanshausen gab es, die Satanshausener haben sich aber unter Zuhilfenahme des heiligen Erzengels Michael, der schon immer was gegen den Leibhaftigen hatte, rechtzeitig in Michelskirchen umbenannt. Dass auch die Ortsschilder von Petting und Fucking bei Sammlern beliebt sind, gehört jetzt nicht hierher. Schon eher, dass nicht nur dörfliche Gemeinschaften Opfer übler Nachrede waren, sondern auch Familien und Einzelpersonen. Nicht anders ist es zu erklären, dass sich heute noch im oberbayerischen Telefonbuch u.a. folgende Familiennamen finden: Angstwurm, Bierdimpfl, Gänswürger, Fingerhut, Hasenei, Hundgeburt, Kotzwinkel, Magersuppe, Morgenschweiß, Rattenglück, Siebenhärl, Ungeheuer und Katzenellenbogen. Gell, jetzt sind´s wieder froh, dass Sie Meier oder Müller heißen und nicht in Deppenhausen wohnen!


Teufelspakte in Oberbayern

Kolumne Heimatspitze

von Bezirksheimatpfleger Dr. Norbert Göttler

Dass auch im frommen Altbayern metaphysisch nicht alles mit rechten Dingen zuging, ist hinreichend belegt. Da wurde schon mal beim Kartenspiel der „Sparifankerl“ beschworen, den Kindern der diabolische „Krampus“ angedroht oder die neugekaufte, aber untüchtige Dreschmaschine als „vermaledeites Teufelszeug“ verflucht. Dass aber auch hierzulande Bünde mit dem Leibhaftigen höchstselbst geschlossen wurden, ist nicht jedermann bekannt. Die Versuchung des Menschen, durch unredliche und unheimliche Mittel Wissen, Macht und Ruhm zu erlangen, ist halt universell, uralt - und brandaktuell zugleich. Spuren ihrer literarischen Bewältigung finden sich auch in unserer Nähe. Der Prototyp aller Teufelsbündler war Georg Helmstätter, besser bekannt, seit Goethes Zeiten, als Dr. Heinrich Faust. Helmstätter war zwar wahrscheinlich in Hessen geboren, trieb sich aber auch an den bayerischen Universitäten Bamberg und Ingolstadt herum. Noch mehr bayerischen Bezug findet sich bei Adrian Leverkühn, dem unheimlichen Komponisten, der in Thomas Manns gleichnamigen Roman durch intensive Gespräche mit dem Gottseibeiuns zum „Doktor Faustus“ mutiert, und das alles nicht zuletzt in München und Freising sowie in dem alten oberbayerischen Klosterort Polling - einem der Wohnsitze der Familie Mann. Auch Klaus Mann, der in München geborene Sohn von Thomas Mann, greift das Motiv des Teufelspaktes auf, und zwar in seinem Roman „Mephisto“ (1936), in dem er seinen früheren Freund Gustav Gründgens wegen dessen Opportunismus gegenüber dem Nazi-Reich des Teufelspaktes bezichtigt. Dass Gründgens und seine Nachkommen das als nicht besonders schmeichelhaft empfanden, liegt auf der Hand, und so kam es 1971 zur berüchtigten „Mephisto-Entscheidung“ des Bundesverfassungsgerichtes, die dem Nymphenburger Verlag den weiteren Vertrieb des Buches untersagte. Was bezüglich der Verbreitung des Buches im Übrigen genau das Gegenteil bewirkte. Aber das ist ja immer so, wenn etwas mit dem Teufel zugeht! Nymphen hin, Nymphen her!

Mehr zum Thema bietet die Ausstellung „Faust in Oberbayern. Teufelspakt und Erlösung“, die noch bis zum 2. Juni  2019 in der Fachberatung Heimatpflege des Bezirks Oberbayern im Maierhof des Klosters Benediktbeuern zu sehen ist. Näheres unter www.fachberatung-heimatpflege.de in der Rubrik Veranstaltungen/Ausstellungen.


Die Schlafwandler

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

Jede gute Ausstellung birgt mindestens ein Geheimnis! Diese Binsenweisheit wird wieder einmal bestätigt durch eine Werkschau in Dachau, die Prof. Adolf Schinnerer (1876-1949), dem ersten Präsidenten der Münchner Kunstakademie nach dem Zweiten Weltkrieg, gewidmet ist. Während Schinnerer als Maler spätimpressionistischer Gemälde noch manchem ein Begriff ist, gilt der begnadete Zeichner und Radierer fast als vergessen. Und das, obwohl er zu seiner Zeit mit Koryphäen wie Alfred Kubin, Edvard Munch und Ernst Barlach befreundet war, die sein Können über alles schätzten.
Das Geheimnis der Dachauer Ausstellung liegt vor allem in einer kleinen Radierung. Sie erschließt sich (wenn überhaupt) nur in mehreren Schritten. Erster Blick: Man sieht eine festlich gekleidete Menschenmenge auf einem Kirchplatz. Offenbar hat eine Gauklertruppe ihr Zelt aufgeschlagen, auf dem Trapez sind Artisten zu sehen. Zweiter Blick: Tatsächlich, einer der Artisten stürzt laut schreiend in den Tod. Die Menge bleibt indes ungerührt fröhlich, die Clown-Kapelle spielt munter weiter. Dritter Blick: Immer mehr Artisten (oder sind es gar die Bürgerinnen und Bürger der Stadt?) drängen auf das Hochseil, um wie Schlafwandler darauf zu schweben und dann in den sicheren Tod zu stürzen. Vierter und letzter Blick: Herren in Frack und Zylinder tragen die Toten aus dem Bild, während die Menge lustig ist und die Clown-Kapelle unverdrossen trällert.
Da sich eine solche Szenerie realiter nirgendwo ereignet hat, wird es sich um eine Allegorie des politisch interessierten Künstlers handeln. Leider undatiert, dürfte sie zwischen 1910 und 1920 entstanden sein. Wenn meine Vermutung stimmt, dass Schinnerer mit seinem Bild eine bittere Allegorie auf die tödliche Sorglosigkeit vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs geschaffen hat, haben wir damit eine visionäre Sicht von größter Bedeutung vor uns. Vision und Mahnung, denn Sorglosigkeit gegenüber den Feinden von Demokratie und Frieden ist auch eine Erscheinung der Jetztzeit. Rund hundert Jahre nach der Entstehung von Schinnerers Bild veröffentlicht der englische Historiker Christopher Clark ein Buch mit dem Titel „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“. Wenn das mal kein Zufall ist…
(Die o. g. Ausstellung zum Werk von A. Schinnerer war vom 22.3. bis 7.4.2019 in der Galerie der Künstlervereinigung Dachau zu sehen. Details unter www.kavaude.de)


Vom Haberfeldtreiben zum Shitstorm

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

Was ein „shitstorm“ ist, weiß heutzutage leider jedes Kind und auch uns Älteren muss diese glorreiche Erfindung der digitalen Welt nicht mehr übersetzt werden. Gemeint ist eine lawinenartige Schmähkritik, die in der Regel hasserfüllt und anonym durch das Netz geistert und jeden treffen kann, der nicht schnell genug seinen E-Mail- oder Whatsapp-Account gelöscht hat.
Wer nun aber meint, derlei Pöbeleien seien eine vorübergehende Zeiterscheinung, sei durch viele historische Gegenbeispiele eines Besseren belehrt. So haben etwa die „Haberfeldtreiben“ im bayerischen Oberland des 19. Jahrhunderts Auswüchse angenommen, dass sich immer wieder Gendarmerie und Staatsanwaltschaft einschalten mussten. Ausgehend von mittelalterlichen Feme- und Scherbengerichten richtete sich die – nota bene – meist vermummt und anonym auftretende Meute gegen einzelne Personen der ländlichen Gesellschaft.
In der Überzeugung, die Moral gepachtet zu haben, stellten sich die Haberfeldtreiber über die staatlichen Organe und bedrohten Einzelpersonen mit Hetze, Brandschatzung, Gewalt. Oft genug waren es gerade nicht die Mächtigen, denen solcherart übel mitgespielt wurde, sondern Außenseiter und Wehrlose.
Auch Frauen wurden an den Pranger gestellt, vor allem, wenn deren Sexualverhalten nicht der gängigen Norm der ländlichen Männergesellschaft entsprach, wie ein von Georg Queri aufgezeichnetes Haberergedicht belegt: „Ein abscheulich unsittlich Treiben ist/ wenn die Eh’ man bricht!/ Das kann nicht länger so bleiben/ dies macht ein Haberfeld zur Pflicht./ Im Dorf Kreuth die Frau N.N./ als Kebsweib berühmt und bekannt./ Sie ist läufig gleich einer Hündin,/die allergrößte Hur im Land!“
Apropos Georg Queri! Mit seinem 1911 erschienenen Werk „Bauernerotik und Bauernfehme“ hat er als einer der Ersten die Geschichte der Haberfeldtreiben überliefert. Die Staatsanwaltschaft fand die darin aufgezeichneten Schmähtexte so abstoßend und staatsgefährdend, dass sie das Buch sofort auf den Index setzte und aus dem öffentlichen Verkehr zog. Wie man in Miesbach, dem Zentrum der damaligen Umtriebe, heute noch einen öffentlichen Platz „Habererplatz“ nennen mag, bleibt vor diesem Hintergrund das Geheimnis der dortigen Stadtväter und -mütter!

Königliche Quertreiber

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

„Das Eigene eines Bayern ist ein sehr runder Kopf, nur das Kinn ein wenig zugespitzt, ein dicker Bauch und eine bleiche Gesichtsfarbe. Es gibt mitunter die drolligsten Figuren der Welt, mit aufgedunsenen Wänsten, kurzen Stampffüssen und schmalen Schultern.“ Von Johann Kaspar Riesbeck aus Mainz stammt dieses Urteil aus dem Jahr 1783 und belegt, wie alt das Klischeé über die Urbewohner zwischen Donau und Alpen ist! Je bedrohlicher aber das gezückte Damoklesschwert des Vorurteils über einem Menschenschlag hängt, desto sicherer kann man sein, dass dieser Stamm auch Exemplare hervorbringt, die „zum Fleiß“ genau das Gegenteil von dem machen, was man von ihnen erwartet. Menschen, die überraschend querköpfig, eben klischeé-frei daherkommen. Die sich die Freiheit nehmen, nicht das nachzubeten, was sich Touristen, Fremdenverkehrsmanager und Berufsbayern tunlichst von ihnen wünschen. Solche Menschen werden gerne als Nestbeschmutzer und Querulanten diffamiert und – auch von den eigenen Historikern – totgeschwiegen.
Was hört man zum Beispiel über den Juristen und Schriftsteller Ludwig Steub (1812-1888), der wegen der Aufdeckung eines Judenpogroms in einem zehnjährigen Rechtsstreit gegen die katholische Kirche verwickelt wurde? Was von einem Heinrich von Noé (1835-1894), der seine wohlbestallte Anstellung als leitender Beamter der Münchner Staatsbibliothek – selbst das Britische Museum hatte um ihn, den Hochgelehrten, lange geworben – hingeworfen hatte, um fortan wohnsitzlos und frei durch die Alpenwelt zu wandern und Bücher zu schreiben? Wo wird eine Victoria von Butler (1811-1902) gewürdigt, die, verwandt mit der Brauereidynastie Pschorr und verheiratet mit dem königlichen Kämmerer Theobald von Butler-Haimhausen, zu den frühen Frauenrechtlerinnen und Sozialreformerinnen Deutschlands gezählt werden darf? Welcher winzigen Minderheit sind Namen wie Lorenz von Westenrieder, Wilhelm Josef Behr, Ignaz von Döllinger und Lord Acton, Josef Hofmiller, Alois Dempf und Annette Kolb bekannt? Allesamt Vertreter einer oberbayerischen Kultur jenseits des Sepplbayern-Mainstreams. Wenig hört und liest man über sie. Wenig bis nichts. Und wenn, dann von Spezialisten für Spezialisten. Während über die üblichen Klischee-Ritter die zehnte Biographie erscheint, wird ein erheblicher Teil der breiten Kulturgeschichte Oberbayerns totgeschwiegen. Verleger, Sender und Redaktionen zucken mit den Schultern. Warum? Weil sich Gott Mammon mit dem Klischee verbrüdert hat und nicht mit dem Nicht-Klischee! Schade! Und das nicht nur, weil wir dann weiter bereitwillig das Bild abgeben, das man allerorts seit zweihundert Jahren von uns hat, das Bild von den „drolligsten Figuren der Welt“!


Flüchtlingskommissar und Heiliger

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

Sicher standen Sie auch schon mal an der Ostspitze der Passauer Halbinsel und haben versonnen zugeschaut, wie sich die Gewässer von Donau, Inn und Ilz miteinander vermischen und dann gemächlich Richtung Schwarzes Meer davonmachen. Abgesehen davon, dass die Dreiflüssestadt an dieser Stelle besonders romantisch ist, befinden Sie sich auch kulturgeschichtlich an einem spannenden Fleckchen Erde. Während Sie selbst auf dem letzten Zipfelchen der ehemaligen römischen Provinz Rätien stehen, liegt nördlich von Ihnen das freie Germanien und südlich die Provinz Noricum. Und dieser entlegene Landesteil des Imperium Romanum hat im 5. Jahrhundert eine Persönlichkeit europäischen Ausmaßes hervorgebracht: Severin von Noricum. Grad noch, könnte man sagen, denn kurz darauf war´s zu Ende mit dem einstmals stolzen Imperium. Und da es bei Scheidungen und Geschäftsauflösungen dieser Größenordnung selten ohne Mord und Totschlag abgeht, brauchte man Männer wie Severin, die als Mediatoren, Verhandler, ja, heute würde man sagen als Hohe Flüchtlingskommissare ihre wertvollen Dienste taten. Dabei hatte Severin ursprünglich alles andere im Sinn, als medienwirksam eine europaweite Katastrophe zu managen. Vermutlich von hohem römischen Senatorenadel, ließ er sich als christlicher Mönch ausbilden und ging – offenbar war ihm selbst ein Kloster zu laut und zu belebt – als Einsiedler in die Einsamkeit der Wüste. Aber die Leute können einem ja keine Ruhe lassen, sie zerren den Anachoreten in das chaos- und konfliktreiche Leben der beginnenden Völkerwanderung zurück und bauen auf seine fachkundige Hilfe. Ohne je ein Amt anzunehmen, stellt sich Severin dieser Aufgabe. Ihm ist es zu verdanken, dass der Machtübergang von römischer zu germanischer Bevölkerung im Donauraum einigermaßen friedlich ablief und die Flüchtlingsströme über die Alpen menschenwürdig organisiert wurden. Kommen einem da nicht Parallelen zu heute? Hat denn keiner der heutigen Migrationsbeauftragen Ambitionen auf die Ehre der Altäre? Freilich hat man Severin später noch mancherlei Wunder angedichtet, Heilungen, Prophezeiungen, Ölvermehrungen und so weiter. Alles, was halt so Dienstpflicht ist von einem anständigen Heiligen. Aber das Entscheidende war doch seine politische und humanitäre Weitsicht, an der es den heutigen Verantwortlichen nicht selten mangelt. Ganz abgesehen davon, dass Severin wenig Spesengeld in Anspruch nahm, da er in einem verfallenen römischen Wachturm hauste. Vielleicht sollte man am 8. Januar, an dem der Heilige 482 im italienischen Favianis gestorben ist, eine Wallfahrt zur Humanisierung der Flüchtlingswege einrichten! Wir müssten dazu nicht nach Italien reisen, auch in Passaus Innstadt gibt’s eine Severinskirche – eine sehr schöne noch dazu!


Ambiguitätstoleranz

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

„Ambiguitätstoleranz“ nennen die Soziologen jene seltene Eigenschaft, fremde Kulturen in ihrer Eigenart zu tolerieren und auch in den eigenen Reihen zu dulden. Dass es damit auch bei unseren Vorfahren nicht allzu weit her war, belegt ein bitterer, ja fast verstörender Beitrag in der satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“ vom Februar 1907. In einer betexteten Folge von Karikaturen – heute würde man so etwas einen Comic nennen – wird hier das „traurige Schicksal einer mohammedanischen Missionsgesellschaft“ geschildert, wie die Überschrift ausweist. Als Zeichner wird Olaf Gulbransson genannt, der Autor des Textes ist nicht verzeichnet. Ziemlich sicher aber war es Ludwig Thoma, zumindest hatte er seinen Segen dazu gegeben, war er zu diesem Zeitpunkt doch der starke Mann in der Simpl-Redaktion in Münchens Kaulbachstraße.
Drei bärtige, ältere Herren, an ihren Turbanen und ihrem Wanderstab mit Halbmond sehr schnell als Muslime erkennbar, hat es in eine altbayerische Landschaft verschlagen. Vielleicht wollte der Zeichner gar eine Parallele zu den Heiligen drei Königen herstellen, die ja in den ersten Quellen nur als Magoi, also als weise Magiere bezeichnet werden. Wie dem auch sei – die drei Herren unseres Comics begeben sich voller Neugierde auf Erkundungsreise in die bayerische Kultur. Als erstes begegnet ihnen ein bedrohlich wankender Dachauer Bauer. Ihre fürsorgliche Frage, ob er wohl sehr müde von der Arbeit sei oder ob die Sonne zu heftig auf sein Haupt gestrahlt habe, entgegnet er nur mit einem derben „Wos seids denn es füa Saustier? Es seid gwieß lutherische Saustier?“ und macht einen Lärm wie ein „Heer von heulenden Derwischen“. Dass der Mann betrunken ist, dämmert den Weisen, als sie im Weitergehen auch schon Kleinkinder am Maßkruge hängen sehen. Ihrer Mahnung, dass eine gute Religion das übermäßige Trinken verbiete, hält ein Einheimischer entgegen: „I bin ja zweng da Religion bsuffa, weil heit Kirta ist!“. Die Alten sind betrübt. Nachdem sich im Laufe ihrer landeskundlichen Exkursion Erlebnisse dieser Art immer mehr häufen – zum Beispiel angesichts einer deftigen Kirchweih-Rauferei - lassen sie sich erschöpft auf ihren Gebetsteppich nieder. Auf Gulbranssons Schlussbild sieht man schließlich eine Horde von Bayern, die mit Sensen und Mitgabeln bewaffnet, die drei Weisen überfallen. In galliger Anspielung auf die intoleranten Kleriker der damaligen Zentrumspartei (Ludwig Thomas Lieblingsgegner), lautet der abschließende Text: „Die Wilden riefen ihren Priester herbei, der zornentflammt alle Menschen zum Kampfe gegen die lutherischen Saustiere aufrief. Wütend stürzten sie sich auf die Fremden und erschlugen sie. So endeten die ersten Missionare des Islam unter den Wilden Europas!“.
Nun, die Geschichte stammt aus dem Jahr 1907. Heute kann so etwas freilich nicht mehr vorkommen. Schon weil niemand mehr an die Heiligen drei Könige glaubt, Kirta praktisch nicht mehr gefeiert wird und Dreschflegel nur mehr in Heimatmuseen zu finden sind! Und weil wir ja das Wort „Ambiguitätstoleranz“ haben…

Vom Dunkel zum Licht

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler.

Wenn zur Zeit wieder mal erbittert über den Sinn und Unsinn von Winter- und Sommerzeit gestritten wird, dann sollten wir das nicht als Kleinigkeit abtun, sondern uns daran erinnern , dass auch in unseren Breiten vor der - kulturgeschichtlich kurzen - Zeit des Christentums zehntausende Jahre lang schamanistisch-pantheistische Glaubensvorstellungen herrschten, in denen der Kontrast von Dunkel und Licht, Schrecken und Heil eine große Rolle spielte. Glauben wir ja nicht, dass das tempi passati sind, dieser Hell-Dunkel-Dualismus hat sich später durchaus mit der neuen, christlichen Lehre eng vermengt und uns bis heute geprägt. Am deutlichsten wird dies in der dunklen, von Ängsten und Phantasien durchsetzten Jahreszeit des beginnenden Winters.
Schon die Lichtgestalt des Sankt Nikolaus kommt nicht ohne einen archaischen Begleiter aus: Krampus, der Angst und Schrecken verbreitende, zerlumpte Knecht des Heiligen. Er ist nichts anderes als eine aus der Dämonenwelt gefallene satanische Figur, die wir auch in der Welt der Perchten und Druden wieder erkennen. In manchen alemannischen Gemeinden heißt der Krampus sogar „Kinderfresser“! In anderen Gegenden Deutschlands nimmt der Kampus auch weibliche, hexenartige Züge an und wird dann „Kloosin“ genannt. Es bleibt der Deutung des Einzelnen überlassen, ob er in diesen Gestalten Personifizierungen der dunklen Seite unsere Seele entdeckt. Auf jeden Fall kann vielleicht die Tiefenpsychologie mehr zur Interpretation beitragen als die Hochtheologie der Kirchen.
Die beginnende Winterzeit gilt generell als mystische Übergangszeit zwischen den Jahren, als Raum voller Orakel und unheilsvoller Andeutung. Schon Nikolaus und Krampus sind hineingestellt in die „Klopfnächte“ mit ihren uralten „Heische-Bräuchen“, deren Ursprünge weitgehend unerforscht sind. An den drei Donnerstagen vor Weihnachten klopfen etwa Kinder und Jugendliche an die Türen, um Nüsse und Äpfel zu fordern. Luther verbot diesen Brauch, der oft mit verdecktem Bettel und grobem Unfug verbunden war. Auf die „Klopfnächte“ folgten die ebenso geheimnisvollen „Zwölfnächte“ oder „Rauhnächte“. Kam der Begriff vom rauen Klima dieser Tage oder von Räuchern der Stallungen und Wohnungen? Wir wissen es nicht. Auch in diesen Nächten trieben sich verkleidete Perchten, Dämonen und Schellenbuben herum, verschleppten herumliegendes Gerät, erschreckten die Kinder und belästigten nicht selten Frauen und Mädchen. Der Volksglaube sagte, dass in diesen langen Nächten das legendäre „Totenheer“, die „Wilde Jagd“ durch die Lande hetzt und dabei Tod und Unheil verbreitet. Manche glaubten, die Tiere im Stall würden zu reden beginnen, und versuchten, aus deren Orakel-Lauten Schlüsse zu ziehen.
Hinein in dieses dunkle, unheimliche Szenario versuchte man schon in vorchristlicher Zeit tröstende Lichtimpulse zu setzen. Dem Sonnengott „sol invictus“ wurde geopfert, mit Brandritualen und heiligen Feuern begehrte man gegen Dunkelheit und Kälte auf. Diese Traditionen nahm das Christentum auf und setzte sie in Bezug auf das Heilsgeschehen der Geburt Jesu. Schon der Advent ist ja eine Zeit des zunehmenden Lichterkultes, in nordischen Ländern feiert man bis heute das Fest der römischen Märtyrin Lucia mit ausgedehnten Kerzenfesten. Und auch der inneren Leuchtkraft des Glaubens widmete man Gedenktage. So ist es kein Zufall, dass im Heiligenkalender dem kleinasiatischen Bischof Nikolaus zwei weitere starke Leuchttürme folgten, nämlich die beiden Kirchenlehrer und Kirchenväter Ambrosius von Mailand und Johannes von Damaskus. So manchen Leuchtturm könnte man heute wieder brauchen, bei Problemen, die weit über die Einführung oder Abschaffung der Sommerzeit hinausgehen.


"Multikulti" oder "Leitkultur"?

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

Auch Wörter haben ihre Geschichte. In besonderer Weise gilt das für die beiden Kontrahenten „Multkulti“ und „Leitkultur“. Ursprünglich trockene Konzeptbegriffe aus den Studierstuben der Soziologen und Politologen, haben sie sich in Windeseile emotional hoch aufgeladen. Der sperrige Begriff „Multikulturalismus“ ist ein sozialphilosophischer Theorieansatz, der davon ausgeht, dass die meisten modernen Staaten de facto von einer Vielfalt ethnischer, kultureller, sexueller und religiöser bzw. areligiöser Anschauungen geprägt sind und diese Staaten eine solchen Wertepluralismus auch schützen und pflegen sollten.
Kaum hatte der Begriff „Multikulturalismus“ seine Kinderstube verlassen, hagelte es auch schon Kritik. Der Begriff wurde als „Multikulti“ verhöhnt und als Kampfbegriff in die politische Diskussion eingeführt. Konservative Wissenschaftler und Politiker – vom britischen Premier Davon Cameron bis zum römischen Kurienkardinal Gianfranco Ravasi, dem früheren Präsidenten des päpstlichen Kulturrats – witterten viele in dem Konzept Werterelativismus, Identitätsverslust und Auflösung jeglicher gesellschaftlicher Ordnung.
In ähnlicher Weise argumentiert der deutsch-syrische Politologe und Horkheimer-Schüler Bassam Tibi, der dazu den Begriff der „Leitkultur“ einführte. Die Leitkultur der westlichen Moderne beruhe auf kulturellen Errungenschaften wie Demokratie, Laizismus, Aufklärung, Menschenrechte und Zivilgesellschaft. In seinem Buch „Europa ohne Identität?“ sprach Tibi 1998 von einer „europäischen Leitkultur“, Zeit-Herausgeber Theo Sommer und CDU-Politiker Friedrich März spitzten die Begrifflichkeit in der Folge auf eine „deutsche Leitkultur“ zu. Gelegentlich fanden sich gar Stimmen, die eine „bayerische Leitkultur“ forderten. Gegen diese einseitige Darstellung setzte sich Bassam Tibi zur Wehr, auch der Philosoph Jürgen Habermas protestierte dagegen öffentlich. Er setzte dem Begriff „Leitkultur“ das Konzept „Werte der kulturellen Moderne“ entgegen, die auf folgenden Stützpfeilern stünden: Vorrang der Vernunft vor religiöser Offenbarung, Demokratie, Trennung von Religion und Politik, Pluralismus und Toleranz.
In Hinblick auf die Integration von Migranten (die ja nur einen Teil der Multikulturproblematik darstellt) regt Bassam Tibi die Formulierung einer „Europäischen Werteorientierung“ an, die einen Kulturpluralismus mit Wertekonsens beinhalten und „wertebeliebige“ Parallelgesellschaften verhindern solle. Dieser Kulturpluralismus setzt sich aus ausdrücklich für eine kulturelle Vielfalt ein, doch formuliert er einen Minimalanspruch „kulturübergreifender Basiswerte“. So muss es etwa als Gemeingut gelten, dass sich auch in Deutschland nicht die islamische „Scharia“ über die Grundnormen des Grundgesetzes stellen darf. Vom Begriff der „Leitkultur“ ist Bassam Tibi selbst ausdrücklich abgerückt, weil er durch die missverständliche politische Debatte den Begriff als „vergiftet“ ansah. Der Münchner Philosoph Julian Nida-Rümelin griff diese Debatte auf, indem er darauf hinwies, dass sich in einer „Leitkultur des Humanismus“, die er fordert, auch außereuropäische Elemente finden und gewürdigt werden müssen.
Wörter und Begriffe, so stellten wir eingangs fest, haben ihre Geschichte. Manche Geschichten könnten auch enden, sie sollten das unserem Fall auch. “Multikulturalismus“ und „Leitkultur“, sie haben je eine Geschichte des Scheiterns hinter sich. Extremer Multikulturalismus heißt ja, nicht nur die – vielfach bereichernde - Alltagskultur aller gesellschaftlicher Gruppen zuzulassen, sondern auch grundgesetzfeindliche Menschenbilder und Rechtspraktiken, wie das Recht zum Ehrenmord, zur Zwangsverheiratung, zur Zwangsbeschneidung bei Mädchen und Frauen, zur Witwenverbrennung. Und auch innerhalb des abendländischen Kulturkreises werden nicht alle Werte gleichermaßen geteilt. Ein strenger Multikulturalismus müsste z.B. auch jedem US-Amerikaner auf deutschem Boden das Recht zum Waffentragen in der Öffentlichkeit zubilligen.
Eine extreme und damit missbräuchliche Verwendung des Begriffs „Leitkultur“ hingegen hieße, die eigene ethnographische Identität unkritisch zum alleinigen Maßstab gesellschaftlichen Zusammenlebens zu machen. Ein solcher Ansatz übersieht (geflissentlich?), dass jede Kultur sich in der Befruchtung durch fremde Kulturen entwickelt hat und einem permanenten Wandlungsprozess ausgesetzt ist.
„Multikulti“ und „Leitkultur“ - zwei Begriffe, die wie ätzende Dämpfe aus den Laborkammern der Wissenschaft entwichen sind, viel an gesellschaftlicher Diskussion vergiftet haben und keine Heilmittel für die Probleme des 21. Jahrhunderts darstellen. Wir sollten einfach Türen und Fenster aufmachen, und mit etwas Zugluft diese Gespenster der Vergangenheit verscheuchen.

Gekauftes Idyll

Kolumne Heimatspitze

von Dr. Norbert Göttler

Was glauben Sie, welche Zeitschriften können sich der größten Verbreitung in Deutschland erfreuen? Natürlich, die unvermeidliche „Apothekenrundschau“ steht ganz vorne, aber die wird ja jedem, der nicht schnell genug flüchtet, kostenlos in die Hand gedrückt – dem „Wachturm“ der Zeugen Jehovas in dieser Hinsicht nicht ganz unähnlich. Auch die „ADAC Motorwelt“ ist ganz prominent mit dabei, auch das kein Wunder, darf sie doch all den über zwanzig Millionen Vereinsmitgliedern gebührenfrei und regelmäßig die freie Fahrt für freie Bürger erklären. Nein, ich meine schon Zeitschriften, für die man bares Geld hinlegen muss!
In dieser Kategorie sind Produkte mit so lyrischen Titeln wie Landlust, Landliebe, Landleben, Landgang, Landidee, Landfrust (nein, die gibt es nicht!), und wie sie alle heißen mögen, offenbar unschlagbar! Während in Wahrheit tagtäglich auch in Bayern das Land weniger wird, während der urbane Flächenfraß auch die letzten ländlichen Räume in lieblos gestaltete Industriewüsten verwandelt, florieren idyllisierende, mit der Realität in krassem Gegensatz stehende Hochglanztraumprodukte. Ein gekauftes, ein käufliches Idyll, könnte man sagen!
Ähnliches gilt in der Welt der vermeintlichen Gourmets! Während sich in jungen Familien das Kochen immer häufiger auf das Aufwärmen von convenience food reduziert – in München werden deshalb schon garantiert küchenfreie Mietwohnung angeboten – floriert der Markt der Back- und Kochzeitschriften in nie gekanntem Ausmaß. Und im Fernsehen kann man sich kaum mehr der Heerschar von Köchen erwehren, die einem zudem auch noch Philosophie und Weltgeschichte erklären wollen. Es empfiehlt sich, stets den Finger am Abschaltknopf der Fernbedienung parat zu halten wie ein Westernheld am Abzug seiner Smith and Wesson!
Zugegeben – Landfreunde und Kochkünstler suchen innere Sehnsuchtsorte. Diese Lust am Idyll ist nicht verwerflich, aber allzu oft ersetzen gekaufte, windige Traum- und Phantasiewelten wie im Rotlichtmilieu die triste Wirklichkeit. Wirkliche Idyllen und Sehnsuchtsorte kann man finden, in der Natur, in liebgewonnenen Städten und Landschaften, aber auch in zwischenmenschlichen Beziehungen, Szenen, Literaturen und Philosophien. Aber immer fordert dieses Finden seinen Tribut! Zeit, Muße, Hingabe, Mühe und Pflege heißen die Zauberworte dafür. Wirkliche Idylle lässt sich schaffen und finden, kaufen lässt sie sich selten.
Aber ach, ich muss mich an die eigene Nase fassen! Mein Idyll finde ich in meiner Bibliothek. Früher bin ich dafür tagelang durch die entlegendsten Antiquariate gezogen oder zu nachtschlafender Zeit mit der Taschenlampe auf Flohmärkten umhergeirrt. Ich habe hier gestöbert und dort geschmökert, habe mit Händlern gefeilscht und mich mit Konkurrenten gestritten. Am Ende aber war es immer eine mehr oder minder begehrte Beute, die ich heimbrachte, vom Staub der Jahrhunderte befreite und sie samt ihrer Geschichte in Händen hielt. Ein Gefühl, das wohl ein archaischer Jäger nach drei Tagen Jagd hatte, denke ich.
Und heute? Drei Klicks auf dem Rechner, die entsprechenden Portale spucken nahezu jedes gewünschte Werk aus, ein kurzer Blick ins Portmonnaie, noch ein Klick und tags darauf steht der Postbote mit dem Paket vor der Tür. Wahnsinnig praktisch – aber kein Jagdfieber, kein Adrenalin, kein Beute. Ein antiquarisches Buch, gekauft wie einen Sack Streusalz oder ein Fußabstreifer. Ein kurzer Blick darauf, irgendwo abgestellt und schnell vergessen.
So kann´s nicht weitergehen, dachte ich mir und suchte mein Lieblingsantiquariat von früher auf. Fast hätte ich mir die Nase angeschlagen, so rumpelte ich an die verschlossene Tür! Das Antiquariat gab es nicht mehr. Das Büro eines Versandhändlers hat die begehrte Immobilie übernommen.
Frustriert ging ich heim und bestellte mir per Internet - einen Bildband über historische Antiquariate! Sehr idyllisch, sag ich Ihnen!

Kolumne Heimatspitze

Jetzt also auch ein Bundesheimatministerium?

Von Dr. Norbert Göttler

Den in Murnau ansässigen, aber von den Einheimischen beargwöhnten Schriftsteller Ödon von Horvath wird man nicht als Kronzeugen anrufen können, soll er doch gesagt haben „Ich habe keine Heimat und ich will auch keine!“. Trotzdem ist der lange verpönte Heimatbegriff mittlerweile offenbar so in Mode gekommen, dass sich auch Landes- und in Zukunft wohl auch Bundesministerien damit schmücken. Totgesagte leben scheinbar tatsächlich länger! Was in den 1970er und 1980er Jahren schier undenkbar war, ist eingetreten. Der Heimatbegriff erlebt eine Renaissance.

Rock- und Folkgruppen integrieren Elemente der bayerischen Volksmusik, junge Dichter rezitieren auf Poetry Slams Mundartgedichte, Filmemacher wie Edgar Reitz und Marcus H. Rosenmüller haben den neuen Heimatfilm erfunden, und mit der Habilitationsschrift von Karen Joisten „Philosophie der Heimat, Heimat der Philosophie“ hat sich auch die Wissenschaft dem Heimatbegriff zugewandt. Parteien beschäftigen sich in ihren Fachtagungen mit dem Heimatbegriff, der „Spiegel“ widmete ihm seine Titelseite, Fernseh- und Hörfunksender ganze Abende. Verena Schmitt-Roschmanns Buchtitel „Heimat – Neuentdeckung eines verpönten Gefühls“ weist darauf hin, dass aus einem anrüchigen, weil politisch und gesellschaftlich missbrauchtem Begriff, in Zeiten der Globalisierung wieder ein arbeitsfähiges Konzept geworden ist.

Das Konzept Heimat – oft als Utopie, als Mythos, als Konstrukt, als moderne Imagination geschmäht - es scheint überlebensfähig, weil erstaunlich wandelbar, anpassungsfähig und flexibel. Diese Wandelbarkeit treibt auch merkwürdige Blüten, was traditionell geprägte Volksmusikanten, Trachtenfreunde und Brauchtumspfleger bisweilen in Harnisch bringt. So glücklich Heimatpfleger sind, dass die jahrelange Verpönung des Heimatbegriffs nachlässt, so misstrauisch sollte man auch jedem neuen „Hype“, jeder neuen Ideologisierung gegenüber sein. Unerträglich wird es, wenn sich rechtsradikale Strömungen die Heimat unter die braunen Fingernägel reißen. All das soll uns nicht daran hindern, eine offene, freiheitliche und tolerante Sympathie zur Heimat zu pflegen. Der Heimatbegriff ist zu wichtig, um ihn den Reaktionären zu überlassen.

Immer wieder wurde der Heimatgedanke vergessen und wieder entdeckt. Moden kommen und gehen und ersetzen nicht eine gesunde Gelassenheit und eine gelebte Nüchternheit in der Heimatpflege. Verbände, Bezirke, Städte und Landkreise tragen in Bayern seit über hundert Jahren Verantwortung für diese Art nüchterner Heimatpflege. Wenn sich jetzt Landes- und gar Bundesministerien diesen Bemühungen anschließen wollen, könnte dies eine Chance sein, kleineren Lebenswelten in globalisierten Zeiten zusätzliches Gewicht zu verleihen. Voraussetzung ist allerdings, dass hinter den Hochglanzschildern der Ministerien auch Inhalte zeitgemäßer Heimat,- Landschafts- und Denkmalpflege sichtbar werden. Und dass die selbsternannten ministerialen Heimatpfleger sich einbinden in das bewährte Geflecht regionaler Kulturpflege. Sonst würden jene Recht behalten, die – angelehnt an Ödon von Horvath - sagen: „Wir haben kein Heimatministerium und wir wollen auch keines!“

(Erschienen im Münchner Merkur / OVB, 17.03.2018)