Inhalt

Tabuthema sichtbar machen

München, den Datum: 18.09.2024

Zum Welttag der Suizidprävention: Bettlaken-Aktion am Marienplatz

Aufgereiht und zugedeckt wie Leichen liegen sie da am Marienplatz. Knapp 80 an der Zahl. Ein beklemmender Anblick. Es ist kurz nach 14 Uhr an diesem 10. September, dem Welttag der Suizidprävention, als sich Menschen in Betttücher gehüllt bei der Mariensäule für ein paar Minuten schweigend auf den Boden legen. Ein stummes Gedenken an die 191 Personen, die sich allein 2022 in München das Leben genommen haben. 191 Suizide zu viel, finden die Veranstalter der Aktion: ein Bündnis aus dem Krisendienst Psychiatrie Oberbayern, den Beratungsdiensten DIE ARCHE Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e. V., der Katholischen und Evangelischen TelefonSeelsorge München und der Krisenberatungsstelle Münchner Insel.

Um ein Banner mit der Aufschrift "191 Leben - Suizidprävention stärken!" haben sich viele Menschen auf den Boden gelegt und mit einem Bettlaken bedeckt.
Am Marienplatz in München gab es zum Welttag der Suizidprävention eine Aktion, zu der ein Bündnis aus Krisendienst Psychiatrie Oberbayern, den Beratungsdiensten DIE ARCHE Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e. V., der Katholischen und Evangelischen TelefonSeelsorge München und der Krisenberatungsstelle Münchner Insel aufgerufen hatte. (Foto: Wolfgang Englmaier © Bezirk Oberbayern)

„Wir wollen nicht nur der Menschen gedenken, die durch Suizid gestorben sind. Sie fehlen in unserer Stadt und im Leben unzähliger Menschen. Wir wollen uns auch gemeinsam stark machen für das Leben und Hilfe in existenziellen Nöten. Suizidprävention gehört in die Mitte der Gesellschaft“, teilten die Veranstalter mit. Jahrelang ging in Deutschland die Zahl der Suizide zurück. Nun ist sie zum ersten Mal seit knapp zehn Jahren wieder über die 10 000er-Marke gestiegen. „Das macht betroffen und zeigt, dass wir die Öffentlichkeit wachrütteln und handeln müssen, vor allem in Zeiten, in denen die Bundesregierung aufgerufen ist, ein Suizid­präventionsgesetz auf den Weg zu bringen“, erklärte die Geschäftsführerin von DIE ­ARCHE, Heidi Graf.

Hilfestellen am Limit und hohe Hemmschwellen

2022 haben sich in Deutschland 10 119 Menschen das Leben genommen, eine Zunahme um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. 2023 waren es 10 300, noch einmal um 1,8 Prozent mehr. In Bayern nahmen sich 1 800 Menschen das Leben, hier liegt die Suizidrate über dem Bundesschnitt. Die Dunkelziffer dürfte noch weit höher liegen, da gerade Suizide im Alter nicht immer bemerkt werden. Das Bundesgesundheitsministerium habe in seiner im April vorgelegten Nationalen Suizidpräventionsstrategie darauf hingewiesen, wie wichtig die niedrigschwellige Beratung gerade telefonisch oder online sei, so Alexander ­Fischhold, der Leiter der Katholischen Telefonseelsorge München. Es müsse jedoch auch sichergestellt werden, dass bei Bedarf genügend Therapie- oder Klinikplätze zur Verfügung stünden: „Wie erleben in unserer Arbeit immer wieder, dass Menschen verzweifelt sind, weil sie monate­lange warten müssen, bis sie eine Therapie beginnen können. Das zermürbt viele“, ­erklärte er.

„Prävention fängt schon weit vor der sui­zidalen Krise an – einsamen Menschen zuzuhören, Menschen mit psychischen Erkrankungen Hilfe zu vermitteln. Doch trotz aller Anlaufstellen kennen viele diese Angebote nicht oder scheuen sich hinzugehen oder anzurufen“, sagte Cornelia Maier, Geschäftsführerin des Krisendienst ­Psychiatrie Oberbayern. Wichtig sei es, ­Suizidprävention in den Alltag zu tragen – zum Beispiel mit Informationen im öffentlichen Raum sowie gezielten Ansprachen in Schulen und Jugendeinrichtungen. Hierzu sei eine Kooperation von Politik, Einrichtungen und Kliniken notwendig. Ein Vorbild hierbei könnte Frankfurt am Main sein, wo es ein Netzwerk Suizidprävention gibt, das auch im Stadtbild präsent ist. (gg)