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„Wir würden eine echte Lücke füllen“

Dr. Nina Möllers will mit dem Thema Arbeit überregionales Publikum erreichen

Die neue Gründungsdirektorin des Museumsforums Dachau, Dr. Nina Möllers, soll in den kommenden fünf Jahren ein ganzheitliches Konzept entwickeln. Die Historikerin, Museumsexpertin und Kulturmanagerin erstellte in den vergangenen Jahren unter anderem Forschungsprojekte und Sonderausstellungen für das Deutsche Museum in München und arbeitete am Botopia, dem Nachfolgeprojekt des Museums Mensch und Natur in Nymphenburg. Inzwischen ist sie seit neun Monaten im Amt – Zeit für eine erste Bilanz.

Portraitfoto einer jungen Frau. Im Hintergrund ist unscharf ein Gemälde zu sehen.
Dr. Nina Möllers ist die neue Gründungsdirektorin des Museumsforums Dachau. (© Bezirk Oberbayern)

Welche Ideen haben Sie für das geplante Museum zur Arbeits- und Industriekultur des Bezirks Oberbayern?
Dr. Nina Möllers:
Inhaltlich gesehen ist für mich klar, dass wir stark vom Menschen als arbeitendes Wesen ausgehen werden – um zu zeigen, wie sich das Verhältnis von Mensch und Arbeit im Lauf der Zeit gewandelt hat. Da stellen sich ganz viele Fragen: Wie prägt Arbeit unser Leben? Wie war die zeitgeschichtliche Rezeption in der Vergangenheit, was bedeutet Arbeit heute und wie könnte die Entwicklung in der Zukunft aussehen? Davon ausgehend können wir ein Programm entwickeln. Eine andere Leitplanke ist die Industriekultur in Oberbayern. Das heißt: Was ist typisch und wie hat sie sich in dieser Region entwickelt? In Bayern geht der Blick ja immer nach Nordbayern, wo es bereits Museen zu dem Thema gibt. Aber genau das ist eine Chance: Wir würden mit unserem neuen Museum zur Arbeits- und Industriekultur in Oberbayern eine echte Lücke füllen.

Ist hier eine Kooperation mit anderen Museen des Bezirks denkbar?
Auf jeden Fall – zum Beispiel mit dem Freilichtmuseum Glentleiten. Schließlich befasst man sich dort mit der Frühindustrialisierung im Übergang von der bäuerlichen Wirtschafts- und Lebensweise. Der Austausch mit den Museen des Bezirks wird sicherlich wichtig sein, bei Objekten, Themen und Programmen. Ich könnte mir auch ein gemeinsames Themenjahr vorstellen.

Was könnte in Zukunft in dem Arbeits- und Industriekultur-Museum zu sehen sein?
Sammlungstechnisch gibt es bisher noch wenig. Aber von der früheren MD-Papierfabrik, in die das Museumsforum Dachau einziehen soll, sind noch einige Objekte vorhanden. Außerdem denke ich an Sammlungen anderer Museen, Leihgaben, Objekte aus stillgelegten Fabriken oder von Privatsammlern. Das Problem ist, dass Erinnerungsstücke aus der Industriekultur oft als nicht wichtig genug erachtet wurden, um sie aufzuheben. Sie wurden dann entweder weggeworfen oder – wenn möglich – verkauft. Andere Sachen stehen eventuell noch in irgendeiner Garage herum – an die kommen wir vielleicht mit einem Aufruf heran.

Und wie wollen Sie die Stücke präsentieren?
Stichwort „Storytelling“. Das heißt, dass wir mithilfe der Objekte Geschichten erzählen wollen, darunter natürlich auch biografische. Zum Glück gibt es heute einen großen Baukasten an Darstellungsmitteln: Filme, digitale Formate oder auch Virtual Reality – natürlich immer abhängig von den finanziellen Mitteln. Grundsätzlich muss man aber die Leute ganz unterschiedlich ansprechen und ihnen verschiedene Zugänge anbieten – vom Kind oder Teenager bis zum älteren Menschen.

Die Arbeits- und Industriekultur soll ja Teil des Museumsforums Dachau sein. Welche Vision schwebt Ihnen hierfür vor?
Bislang gibt es tatsächlich noch keine Kulturinstitution in Oberbayern, die sich so intensiv mit dem Thema Arbeit beschäftigt. Das Museumsforum könnte in dieser Hinsicht eine große Bereicherung für die Region sein: als Ort, an dem man über Programme Raum schafft für Diskussionen über aktuelle Fragen. Zum Beispiel zum Bürgergeld, den Wert der Arbeit, das Grundeinkommen, die Bedeutung von Care- und Sorgearbeit, die Nicht-Arbeit … Momentan gibt es ja eine große Zersplitterung in der Gesellschaft.

Und wie wollen Sie die verschiedenen Museen im Forum zusammenführen? Die Bandbreite ist ja groß, von Landschafts­malerei über Volkskunde bis zu zeit­genös­sischer Kunst …
Das ist Herausforderung und Chance zugleich. Aber ich bin mir sicher, dass ein moderner Ansatz möglich ist. Im geplanten Museumsforum können wir an einem authentischen Ort den Wandel von der vorindustriellen Zeit über die industriell geprägte Arbeit bis zur Post-Industrialität darstellen und einen Rahmen über die einzelnen Häuser spannen. Zum Beispiel indem wir deutlich machen, wie sich Menschen heute künstlerisch mit dieser Thematik auseinandersetzen. Damit können wir auch ein überregionales Publikum anlocken. (Interview: ug)

Museumsforum Dachau
Das Forum soll in den Gebäuden der früheren MD-Papierfabrik entstehen. Dort soll neben der bereits bestehenden Gemäldegalerie mit Landschaftsmalerei des 19. und 20. Jahrhunderts, der Neuen Galerie mit zeitgenössischer Kunst und dem Bezirksmuseum Dachau zur Kulturgeschichte und Volkskunde der Stadt Dachau ein neues Arbeits- und Industriekulturmuseum des Bezirks Oberbayern einziehen. Zu diesem Zweck ist der Bezirk 2023 dem Zweckverband Dachauer Galerien und Museen beigetreten. Innerhalb von fünf Jahren soll nun ein tragfähiges Konzept für das Museumsforum entwickelt werden.