Hinschauen, verstehen, handeln
Fachtagung zur Erinnerungskultur am kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar
Wie können psychiatrische Kliniken und Einrichtungen ihre Erinnerungskultur nicht nur für heute gestalten, sondern auch für morgen bewahren? Welche Medien brauchen sie, um insbesondere auch junge Menschen anzusprechen? Um Fragen wie diese ging es bei der Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation am kbo-Isar-Amper-Klinikum in Haar. An drei Tagen diskutierten mehr als 140 Fachleute, die aus dem gesamten deutschsprachigen Raum gekommen waren.
Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger hob in seiner Eröffnungsrede hervor: „Erinnerungskultur ist weitaus mehr als nur ein Blick in die Geschichte. Erinnerungskultur ist ein Blick in die Vergangenheit, um aus ihr für heute und morgen die richtigen Lehren zu ziehen.“ Er mahnte dazu, wachsam zu sein in einer Zeit, in der Extremisten versuchten, die Grenzen des Unsagbaren wieder zu verschieben: „Wir Demokraten müssen uns dieser Verharmlosung wehrhaft entgegenstellen. Wir müssen dieser zersetzenden Geschichtsumschreibung die Wahrheit entgegenhalten und sie überzeugend und gemeinsam vertreten.“ Er unterstrich, dass Erinnerungskultur weitaus mehr sei als nur die Aufarbeitung der Verbrechen und Morde in den psychiatrischen Kliniken unter der NS-Diktatur.
Landtagspräsidentin Ilse Aigner sagte, dass die derzeitigen Angriffe auf die demokratischen Institutionen von verschiedenen politischen Seiten abgewehrt werden müssten, um unsere Demokratie und damit auch unsere Freiheit zu schützen.
Der lange Weg zum Erinnern
Prof. Dr. Peter Brieger, Ärztlicher Direktor des kbo-Isar-Amper-Klinikums, gab einen Überblick über die Erinnerungskultur an seinem Haus. Dabei ging er auf die besondere Bedeutung dieses Ortes ein: Die erste Deportation aus einer Psychiatrie fand am 18.1.1940 in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar statt, als 25 Männer von dort in die Tötungsanstalt Grafeneck transportiert und ermordet wurden. Auch nach dem offiziellen Ende der „Euthanasie“ wurde das Töten in den „Hungerhäusern“ fortgesetzt. Brieger: „Insgesamt wurden zwischen 1940 und 1945 etwa 4 000 Patientinnen und Patienten der Anstalt Eglfing-Haar ermordet. Etwa 1 600 Männer und Frauen und 332 Kinder starben durch Verhungern, Vernachlässigung und Medikamente in den beiden Hungerhäusern, im Kinderhaus und in einer Pflegestation für Frauen.“
Brieger erinnerte daran, dass die Verbrechen nach der NS-Zeit lange ignoriert und verharmlost worden waren. Erst ab Ende der 1980er-Jahre wurde der Begriff „Euthanasie“ in Haar präsent. Erstmals wurden Mahn- und Gedenkstätten errichtet und eine Gedenkkultur entstand. Dazu gehört heute die Wissensvermittlung nach innen und außen: mit Exkursionen zu Gedenkstätten, der Verankerung des Themas in den Berufsfachschulen und dem Psychiatriemuseum, Zeitzeugengesprächen sowie der Umbenennung von Straßen und Plätzen.
Gedenkkultur „von unten“
Wesentliches zur Aufarbeitung der Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus hat der Mediziner und Psychiater Prof. Dr. Michael von Cranach geleistet. In seinem Vortrag bot er einen Einblick in die Erinnerungskultur der psychiatrischen Kliniken in Bayern. Er beschrieb die schwierigen Anfänge nach 1945, als Täter und Mittäter durch Intrigen eine Aufarbeitung der Verbrechen verhinderten. Gemäß seiner Aufforderung „Lasst uns hinschauen!” legte von Cranach damals den Finger in die Wunde einer Nachkriegspsychiatrie, die sich nur langsam vom Gedankengut der Vergangenheit löste. Der Redner machte klar, dass die Ereignisse um die Krankenmorde zwischen 1939 und 1945 auch Anfang der 1980er-Jahre im Klinikalltag präsent waren. Er verwies aber auch darauf, dass die Gedenkkultur von Menschen ausging, die in der Psychiatrie tätig waren.
Von Cranach fasste schließlich zusammen, dass es nicht nur „eine” Erinnerungskultur gäbe: „Historiker, Opfernachfahren, engagierte Bürger, Politiker, in der Psychiatrie Tätige, alle in der Erinnerungskultur Involvierten, setzen unterschiedliche Schwerpunkte in ihrem Erinnern und Gedenken. Was macht psychiatrisches Erinnern und Gedenken im Kern aus?“ Es sei einerseits das Erkennen und Verändern von Bedingungen, die die Verbrechen möglich gemacht haben, andererseits die Solidarität mit den und Empathie für die Opfer und ihre Nachfahren und schließlich das Wiederherstellen verlorengegangenen Vertrauens. Dies sei Voraussetzung für das „nie wieder“. Von Cranach schloss mit den Worten: „Es liegt noch ein langer Weg vor uns!“
Ziel: nachhaltig und selbstkritisch
Prof. Dr. Aleida Assmann beschrieb in ihrem Vortrag die Voraussetzungen für eine nachhaltige und selbstkritische Erinnerungskultur. Sie stellte dar, dass der Staat Rahmenbedingungen wie Feiertage, Schulbildung und einen Gedenkstättenvertrag schaffen müsste. Gleichzeitig sollten Historiker (-kommissionen) recherchieren und das Unrecht aufklären, Gerichte müssten dieses Unrecht verfolgen und verurteilen und die Opfer müssen eine Stimme erhalten. Außerdem sollten Künstler durch neue und unabhängige Impulse das kulturelle Klima stimulieren und Medien müssten diese Themen aufnehmen, diskutieren und in die Gesellschaft tragen. Und, nicht zuletzt: Die Zivilgesellschaft müsse diesen Wandlungsprozess in der Öffentlichkeit diskutieren und durch lokale Initiativen stützen. (we)