Verantwortung, die aus der Vergangenheit erwächst
München, den Datum: 25.02.2025Auftakt einer Veranstaltungsreihe zur Geschichte von Gabersee in der NS-Zeit
Am 27. Januar jährte sich zum 80. Mal die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz. Doch nicht nur in Ausschwitz wurde gemordet – überall im damaligen Reichsgebiet fielen Menschen dem Rassenwahn des Nationalsozialismus zum Opfer. So auch in der „Heil- und Pflegeanstalt Gabersee“ bei Wasserburg, der Vorgängerinstitution des kbo-Inn-Salzach-Klinikums (kbo-ISK). Aus dieser erschütternden Geschichte erwächst zwingend eine Verantwortung zu Gedenken und mahnender Erinnerung. Anlässlich des Jahrestages wurde am 28. Januar auf dem Klinikgelände der Opfer gedacht.
Mehr als 100 Menschen fanden sich am Mahnmal für die NS-Opfer ein – darunter die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. Charlotte Knobloch, und der oberbayerische Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger. Das gemeinsame Gedenken war zugleich der Auftakt einer Veranstaltungsreihe, mit der das kbo-ISK im Jahresverlauf die Erinnerungskultur fördern möchte.
Erinnerung und Gedenken als Aufgabe für alle
Dr. Charlotte Knobloch erinnerte in ihrer Rede eindringlich an die Verbrechen der Nationalsozialisten, die an Menschen begangen wurden, „weil sie waren, wie sie eben waren.“ Dabei betonte sie die Bedeutung der Erinnerung: „Das, verehrte Anwesende, dürfen wir niemals vergessen. Um der Opfer und unserer selbst willen müssen wir die Erinnerung wachhalten an das, was hier geschehen ist.“
Knobloch hob hervor, dass die deutsche Gesellschaft sich aus den „Trümmern und dem moralischen Abgrund“ der NS-Zeit herausgearbeitet und sich zu einem freien, demokratischen Staat entwickelt habe. „Darauf dürfen wir stolz sein, aber daraus entwächst auch eine Verantwortung.“
Als Beispiel beschrieb sie ihren Vater, der trotz Verfolgung an das Potenzial seines Heimatlandes geglaubt habe – zu einer Zeit, in der die meisten Jüdinnen und Juden das Land schnellstmöglich verlassen wollten. „Ganz anders mein gottseliger Vater. Er war ein Patriot. Er glaubte daran, dass dieses Land eine Zukunft als demokratischer Staat haben würde.“
Abschließend wandte sie sich direkt an die Anwesenden: „Sie sind überzeugte Demokraten. Lassen Sie sich zur Tatsache, dass Sie es sind, gratulieren!“ Sie mahnte jedoch auch, dass die Erinnerung und das Gedenken eine zentrale Verantwortung aller Bürgerinnen und Bürger sei – auch im Hinblick auf politische Prozesse. „Das schulden wir denen, derer wir heute vor diesem Mahnmal gedenken.“
Bezirkstagspräsident Thomas Schwarzenberger hob in seiner Ansprache ebenfalls die Bedeutung des Erinnerns hervor – gerade vor dem Hintergrund dessen, was in den Vorgängerinstitutionen der Kliniken des Bezirks Oberbayern geschehen sei. Nur wer aus der Geschichte heraus wisse, in welche Katastrophe Ausgrenzung, Herabsetzung, unmenschliches Denken und Handeln mündeten, könne daraus Lehren für die Gegenwart ziehen.
„Wohin das Vergessen führt, sieht man heute leider überall. Hier bei uns in Deutschland genauso wie im Rest der Welt. Das Ergebnis sind Nationalismus, Rassismus und Hass – und am Ende Gewalt und Krieg.“ Erinnerungskultur sei deswegen kein Selbstzweck, so Schwarzenberger, sondern eine beständige Mahnung, „die Werte, die wir uns als Lehren aus der Geschichte erarbeitet haben, nicht zu vergessen und sie nach Kräften zu schützen“.
Wasserburgs 1. Bürgermeister Michael Kölbl betonte im Anschluss die Bedeutung von Artikel 1 des Grundgesetztes hinsichtlich der Verbrechen des nationalsozialistischen Unrechtsstaats. Er wies darauf hin, wie wichtig es sei, dass dieser „unveränderbar und unverrückbar ist.“
„Die Chronik macht die Grausamkeiten greifbar.“
Die historische Bedeutung der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee und der dokumentierten Verbrechen hob Prof. Dr. Peter Zwanzger hervor, Ärztlicher Direktor der Klinik: „Die unermessliche Unmenschlichkeit und unerbittliche Grausamkeit, die beim Lesen der Passagen aus der Gaberseer Chronik spürbar wird, entsetzt noch heute.
Die Chronik dokumentiert, wie zwischen 1940 und 1941 etwa 500 Patientinnen und Patienten dieser Klinik von hier aus in die Tötungsanstalt Hartheim deportiert und ermordet wurden. Sie erinnert an das unvorstellbare Leid und die Verbrechen, die an diesem Ort begannen. Das alles beschämt mich als Arzt und Psychiater, es beschämt mich als ärztlichen Leiter einer großen Klinik. Es beschämt mich als Menschen.“
Abschließend erinnerte Dr. Karsten Jens Adamski, Geschäftsführer des kbo-Inn-Salzach-Klinikums, eindringlich an die Verantwortung der Klinik und der gesamten Gesellschaft: „Unser Gedenken am heutigen Tage gilt den Menschen, die in Ausschwitz, Treblinka, Sobibor, Bergen-Belsen, Buchenwald und den vielen anderen Tatorten der NS-Verbrechen umgebracht wurden.
Zu diesen Orten zählen auch psychiatrische Heilanstalten – Einrichtungen, die eigentlich Hilfe und Schutz hätten bieten sollen. Es muss uns allen und auch insbesondere den jungen Menschen gesagt werden, was damals geschehen ist. Es darf nicht vergessen werden. Das schulden wir den Opfern. Und wir sind aufgerufen, heute und auch in Zukunft aus der Geschichte zu lernen.“
Lebendige Erinnerungskultur
Mit der feierlichen Gedenkstunde eröffnete das kbo-Inn-Salzach-Klinikum eine Veranstaltungsreihe, die Raum für Reflexion, Dialog und Lernen bieten und eine bewusste Auseinandersetzung mit diesem dunklen Teil der deutschen Geschichte fördern soll.
6. März, 16 Uhr
Vortrag „Die Heil- und Pflegeanstalt Gabersee in Zeiten des Nationalsozialismus“
Wolfgang Schmid, Leiter des Psychiatriemuseums Gabersee
21. Mai, 17 Uhr
Vortrag und Podiumsdiskussion „Psychiatrie im Nationalsozialismus“
mit Prof. Dr. med. Dr. rer. soc. Frank Schneider
2. Juni, 16 Uhr
Vortrag „Die Rolle der Heil- und Pflegeanstalt Gabersee in der NS-Zeit“
Nikolaus Braun, Archivar des Bezirks Oberbayern