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Gekommen, um zu bleiben

Inklusion beim Bezirk Oberbayern – Blick in den Arbeitsalltag einer Kollegin mit starker Sehbehinderung

Bezirk
Dienstag, 05.08.2025

Viele Wege führen zum Bezirk Oberbayern: Juliane Grüger ist blind und arbeitet seit zwei Jahren als Sachbearbeiterin in der Sozialverwaltung. Die 33-Jährige meistert ihren Arbeitsalltag souverän – mit Technik, Assistenz und viel Humor. Ihr Weg hierher war nicht geradlinig, doch beim Bezirk fühlt sie sich endlich angekommen.

Eine junge Frau mit langen, lockigen Haaren sitzt im Büro an einem Schreibtisch. Neben ihrer Hand sieht man den Kopf eines goldfarbenen Hundes.
Juliane Grüger mit ihrem Assistenzhund Adam (Foto: Jennifer Sandmeyer © Bezirk Oberbayern)

Auf den ersten Blick wirkt es wie ein gewöhnliches Büro. Doch auf einer salbeigrünen Decke unweit des Schreibtischs liegt ein Labrador, zusammengerollt wie ein Donut. Vor ihm steht ein leerer Napf. Sein Frühstück hat Adam gleich nach seiner Ankunft im Büro verschlungen. Gerade ist Zeit für ein Nickerchen. Denn Juliane Grüger, die er im Alltag führt und begleitet, sitzt am Schreibtisch und arbeitet konzentriert.

„Hier ist wieder etwas aufgeploppt“, sagt Andrea Eckhold, die heute als Arbeitsassistenz eingesprungen ist, und blickt prüfend auf den Bildschirm. „Können Sie es bitte kurz vorlesen?“, antwortet Juliane Grüger. Sie wechseln sich ab wie beim Pingpong. „Können Sie bitte auf der Telefonliste nach einer Nummer suchen. Danke!“ oder: „Auf dem Dokument müsste irgendwo ‚Berechnungsblatt‘ stehen.“ Eckhold sitzt mit Notizblock neben Grüger, folgt den klaren, aber freundlichen Anweisungen und schmunzelt schließlich: „Sie haben aber ein ganz schönes Tempo drauf.“ „Echt?“, fragt Grüger zurück, während ihre Finger über die Tastatur tanzen – beinahe wie nach einer einstudierten Choreografie. Besonders wichtig: die Tabulatortaste. Mit ihr navigiert die 33-Jährige über Dokumente und Websites.

Mit Technik und Assistenz durch den Arbeitstag

Juliane Grüger ist blind. Seit zwei Jahren arbeitet sie als Sachbearbeiterin in der Sozialverwaltung beim Bezirk Oberbayern. Bis zu ihrem achten Lebensjahr konnte sie sehen, trug eine Brille. Dann die Diagnose bei einer Routineuntersuchung: Zapfen-Stäbchen-Dystrophie. Das bedeutet, dass die Sehzellen auf der Netzhaut langsam absterben. Der fortschreitende Sehverlust war nicht mehr aufzuhalten: von 80 Prozent Sehvermögen über 70 bis zu den heute verbliebenen zwei bis fünf. „Dass ich Farben nicht mehr erkennen kann, ist schwer für mich“, erzählt Grüger. Früher las und malte sie gerne, farbenfroh und kräftig. Heute kann sie zu ihrem Bedauern Farben nicht mehr unterscheiden.

Ihre starke Sehbehinderung hindert sie nicht daran, ihre Arbeit souverän zu meistern. Dabei bedient sie sich verschiedener Hilfsmittel und wird von einer Arbeitsassistenz begleitet. Die Kosten dafür übernimmt die Agentur für Arbeit. Die Arbeitsassistentinnen oder -assistenten formatieren Bescheide, holen und lesen Akten vor, bedienen den Drucker oder begleiten Grüger durch den Bezirk. Sie stehen ihr während der gesamten Arbeitszeit zur Seite. Vor der Tastatur liegt zudem eine Braillezeile – ein Computer-Ausgabegerät, das Zeichen in Brailleschrift darstellt. Hauptsächlich arbeitet die Sachbearbeiterin jedoch mit dem Screenreader, einer Software für Sprachausgabe. Diese läuft in hoher Geschwindigkeit – für andere kaum verständlich, für Grüger Routine. Allerdings ist darauf nicht immer Verlass: „Manchmal kommt auch nur Kauderwelsch heraus“, sagt sie. Vor allem bei Scans in schlechter Qualität.

„Es fehlte auch an Support“

Ursprünglich war ein Bürojob nie Juliane Grügers Wunsch. „Das war immer mein Graus“, sagt sie und fügt mit einem Augenzwinkern hinzu: „Look at me now.“ Ihr Weg bis hierher verlief nicht geradlinig: vom Bundesfreiwilligendienst über ein abgebrochenes Studium der Sozialen Arbeit in der Schweiz und eine Ausbildung zur Ernährungsberaterin bis hin zu einem dualen Studium bei einer Berufsgenossenschaft. Nirgendwo fand sie einen Platz. „Es fehlte auch an Support“, erzählt Grüger. Das änderte sich erst beim Bezirk – auch dank der Menschen um sie herum, allen voran ihrer Vorgesetzten: „Frau Treffkorn als Arbeitsgebietsleitung ist ein Glücksgriff.“

Der Bezirk als Vorreiter

So unprätentiös sei die Vorgesetzte, dass sie auch mal selbst einspringe, wenn die Assistenz ausfalle. Als besondere Unterstützung sieht Steffi Treffkorn das nicht: „Vielmehr sind wir es, die von Juliane Grügers offener und unvoreingenommener Art enorm profitieren. Mit ihrem beruflichen Engagement führt sie uns vor Augen, wie unbegründet viele gesellschaftliche Vorurteile sind.“ Bis Grüger voll durchstarten konnte, dauerte es eine Weile: Es mussten Anträge gestellt, Programme ihren Bedürfnissen entsprechend angepasst werden. Mittlerweile läuft alles. Für Treffkorn ist das eine Selbstverständlichkeit: „Gerade der Bezirk Oberbayern sollte eine Vorreiterrolle übernehmen: Indem er bei Prozessen, Veränderungsmaßnahmen und der IT die Bedürfnisse von Mitarbeitenden mit Behinderung konsequent, zügig und vorausschauend mitdenkt, kann er ein starkes Zeichen für gelebte Inklusion setzen.“

„Mein Leben hängt von diesem Tier ab“

Auf einmal macht Adam ein glucksendes Geräusch: „Er träumt, dass er etwas isst“, sagt Grüger und lacht laut. Adams Zunge lugt aus dem Mund, seine Pfote zuckt leicht. So süß er auch aussieht: Wenn Adam „im Dienst“ ist, darf er weder angesprochen noch gestreichelt oder anderweitig abgelenkt werden. Für Grüger könnte das gefährlich werden: „Mein Leben hängt von diesem Tier ab.“

Blindenführhunde durchlaufen eine intensive Ausbildung. Sie lernen Hörzeichen wie „Such Treppe“ oder „Nach Hause“ – und wissen, wann sie vor einem Abgrund stoppen müssen. Das braucht viel Vertrauen: „Jeder Tag bedeutet Teambuilding mit Adam.“ Manchmal frustriert sie ihre Behinderung: „Klar: Es ist nervig, es fuchst mich. Aber was soll ich machen? Ich kann es nicht rückgängig machen.“ Hilfsmittel wie die Sprachausgabe oder auch Adam schenken ihr ein Stück Selbstbestimmung. Für Jammern bleibt ohnehin keine Zeit: Neben ihrer Arbeit nimmt sie Gesangsunterricht, macht Bauchtanz, Yoga und pflegt das wohl größte Hobby von allen: Adam. 


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