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Frei wie ein Vogel fliegen

München, den Datum: 26.06.2025

Erinnerungszeichen für Helmut Silberberg

Am 15. Mai lud die Landeshauptstadt München zu einer Gedenkveranstaltung in der Seidlvilla ein, die an das Leben und das gewaltsame Sterben Helmut Silberbergs erinnerte, der an diesem Tag 106 Jahre alt geworden wäre. Er wurde mit nur 21 Jahren in der NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim bei Linz ermordet. Zwei Großnichten aus Argentinien, Roxana und Karina Licovetzky, reisten zur Feier an. Sie sind die Enkelinnen von Helmuts Bruder Heinrich, der 1937 emigrieren konnte.

Gedenktafel für Helmut Silberberg: Ein Blechschild an einer Hauswand ist mit einem stilisierten Portrait und dem Namen von Helmut Silberberg gedruckt.
Erinnerungszeichen für Helmut Silberberg am früheren Israelitischen Lehrlingsheim in München-Schwabing, Wagnerstraße 6

Die Vorgeschichte: Etwa 2009 begann ­Roxana ihre Recherche zu Helmut Silberberg. Ihr Großvater war kurz zuvor verstorben. Er hatte die traumatische Vergangenheit nur angedeutet. Es gab einen kranken Bruder, die Mutter blieb seinetwegen in Deutschland und wurde später in Ausschwitz ermordet. Roxana fühlte sich dieser Geschichte verpflichtet, doch die Suche nach Helmut gestaltete sich schwierig. 2017 wandte sie sich schließlich ans Bezirksarchiv, und die dort erhaltene Akte entpuppte sich als wertvoller Fund. Die ärztlichen Unterlagen sind kaum erhalten – sie wurden nach Hartheim mitgegeben – doch zahlreiche Briefe von Helmut und seiner Mutter gibt es noch. Helmuts Briefe zeigen ihn als wortgewandten jungen Mann, der seine Krankheit reflektiert, seine Kindheit durchdenkt und um seine Entlassung kämpft. Er fürchtet den wachsenden Antisemitismus und möchte unbedingt auswandern.

Dreifach diskriminiert

In ihrem Vortrag bei der Gedenkveranstaltung beschreibt Verena Rapolder vom Bezirksarchiv, die sich intensiv mit der Geschichte der Euthanasieopfer ­beschäftigt, die Lage des jungen Mannes: „Helmut war dreifach diskriminiert: jüdisch, psychisch krank und mittellos. Seine Mutter lebte zu dieser Zeit in Hannover. Als Helmuts Genesung in ­Eglfing-Haar Fortschritte machte, sollte ihn seine Mutter persönlich abholen. Doch 1938 wurden viele polnischstämmige Jüdinnen und Juden abgeschoben – auch Angehörige der Familie. Die ­jüdische Gemeinde in Hannover war deswegen überfordert und konnte die Reise nicht finanzieren. Helmut musste in der Anstalt bleiben.“

Wie es ihm ging, lässt der berührende, auf Englisch gehaltene Vortrag seiner Großnichte Roxana Licovetzky erahnen: „Der junge Helmut hatte nichts als Steine in seinem kurzen Leben. Allein auf der Welt, seine Brüder in Argentinien, die Schwester in Israel; eine Mutter, die nicht die Mittel hatte, ihn aus dem Krankenhaus zu holen – er war ein junger Gefangener des Naziregimes. Er hatte schon einmal versucht, sich das Leben zu nehmen, aber im März 1939 versuchte er mit letzter Kraft, aus dem Krankenhaus zu entkommen. Er schrieb an Direktor Dr. Pfannmüller, dass er, da er polnischer Staatsbürger sei, nach Polen überstellt werden solle.

Ist es zu glauben, dass dieser junge Mann, Helmut Silberberg, der unter Halluzinationen litt, mit allen Mitteln versuchte, aus Deutschland zu entkommen?

Wer hätte sich vorstellen können, dass ein junger Mann, der schrieb: ‚Lange Zeit dachte ich, dass ein Mensch überhaupt nicht lachen kann‘, dass dieser leidende Mann, dem seine Wahlmöglichkeiten verweigert wurden, am selben Tag ermordet werden würde, an dem mein Großvater in Argentinien 26 Jahre alt wurde, am 20. September 1940. Und täuschen Sie sich nicht, er wurde wegen seines ‚jüdischen‘ Zustands – nicht wegen seines ‚geistigen‘ Zustands – nach Schloss Hartheim und damit in den Tod gebracht. Wenn Jude zu sein ein Zustand sein kann. Noch am Tag seiner Verlegung schrieb Dr. Pfannmüller an das Gesundheitsamt in Bayern: ‚Ich teile dem Staat mit, dass meine Anstalt von nun an nur noch arische Kranke aufnimmt. In Zukunft werde ich die Aufnahme von jüdischen Patienten ablehnen.‘“

Die Ermordung der jüdischen Patientinnen und Patienten unterschied sich in der Tat von den anderen Morden der „Aktion T4“. Die Diagnosen und der Gesundheitszustand, die bei der Selektion ansonsten im Zentrum standen, spielte keine Rolle mehr. Entscheidend war allein die Zuschreibung „jüdisch“. So wurde auch ­Helmut, der sich ja zuvor von seiner Erkrankung gut erholt hatte und sogar entlassen werden sollte, am 20. September 1940 mit etwa 178 weiteren Menschen in die Tötungsanstalt Hartheim gebracht und dort ermordet.

Bewegender Klinikbesuch

Seine Großnichten konnten nun sicherstellen, dass er nicht vergessen wird. Für sie war es sehr bewegend, die Patientenakte mit Briefen und einem Foto von Helmut in den Händen zu halten, die Klinik zu besichtigen und später dann auch das ehemalige Israelitische Lehrlingsheim zu sehen, das ihr Großonkel als junger Mann besucht hatte. Vor dem Gebäude in der Wagner­straße 6 wurde in einem feierlichen Akt ein Erinnerungszeichen angebracht.

Ihrer Danksagung an alle, die die Gedenkveranstaltung ermöglicht hatten, fügte Roxana Licovetzky an: „Und bitte, beten Sie mit mir, dass Helmuts Seele frei wie ein Vogel fliegen kann. Ich danke Ihnen allen von ganzem Herzen. Aus tiefstem Herzen.“

Auch das Theaterstück Stimmen, im Mai beim Bezirk Oberbayern aufgeführt, greift Helmuts Schicksal auf. Jugendliche nähern sich darin den Opfern mit Respekt und Mitgefühl – eine würdige Form des Gedenkens.