Essen, ratschen, klettern
München, den Datum: 26.05.2025Ausgezeichnete Projekte des Inklusionspreises 2024
Klettern trotz körperlicher Einschränkung, trotz Sehbehinderung, trotz Ängsten: Bei Bayerns besten Gipfelstürmern scheint alles möglich zu sein. Bei diesem inklusiven Projekt der IG Klettern München & Südbayern e. V. klettern seit 2014 Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit und ohne Behinderungen in der Kletterhalle oder auch am Felsen in den Bergen. Der Bezirk Oberbayern zeichnete das Projekt mit dem dritten Platz seines Inklusionspreises 2024 aus. Montags trifft sich eine Gruppe der Gipfelstürmer im Heavens Gate, einer Kletter- und Boulderhalle im Münchner Werksviertel.
Bass wummert durch das Foyer im Heavens Gate. Der Duft von frisch gebackenem Brot, zerlaufenem Käse, basilikumverfeinerter Tomatensoße und heißem Fett legt sich in die Nase. Die Teilnehmenden des inklusiven Kletterprojekts Bayerns Beste Gipfelstürmer stärken sich mit Sandwiches und Pizza. Schließlich stehen beim Klettern gleich zwei anstrengende Stunden für Arme und Beine an. Denn der Sport ist der Grund, warum alle hier sind. Oder? „Es ist eigentlich wie ein Kletterstammtisch“, sagt Trainer Dieter Wagner mit einem Schmunzeln. Denn es gibt immer viel zu erzählen.
Matthias Koch und Steffi Krenn sind Urgesteine bei den Gipfelstürmern und fast von Beginn an dabei. Er in oranger Hose, sie im pinken Sportoutfit. Und doch fällt der Blick vielmehr auf die funkelnden Augen, wenn die beiden ihre Geschichten aus der Erinnerungskiste kramen. Dieser eine Ausflug in die Berge zum Beispiel. Als Matthias Koch beim Rodeln stecken geblieben ist. Die beiden lachen. Auch an ihren ersten Besuch bei den Gipfelstürmern erinnert sich Krenn. Das sei vor fast zehn Jahren gewesen. Damals hat sie sich gleich an die 30 Meter hohe Wand gewagt – und diese auch erklommen. Sie denkt auch noch an die bestürzte Reaktion ihrer Schwester, als sie ihr von dem wagemutigen Erlebnis erzählte. Die konnte nur noch ausrufen: „Du spinnst ja.“ Doch nicht immer klettert es sich so reibungslos, weiß die erfahrene Gipfelstürmerin: „Manche Routen sind hart und man muss kämpfen – vor allem am Überhang. Aber am Ende bist du stolz auf dich, dass du es geschafft hast.“ Vor allem schätzt sie die Ruhe, die die Stunden am Seil in ihren Arbeitsalltag bringen. Denn der ist mitunter hektisch und stressig: „Du kannst alles loslassen, was am Tag war, und fühlst dich danach befreit.“ Krenn arbeitet bei der Lebenshilfe in der Küche. Sie und Koch leben mit einer kognitiven Beeinträchtigung.
Klettern für alle
Bei den Gipfelstürmern klettern Menschen mit und ohne Behinderungen. Manche von ihnen arbeiten auch als Trainerinnen und Trainer oder unterstützen ehrenamtlich als sogenannte Scouts. Im Vordergrund stehen das Miteinander und das Voneinander Lernen. So lautet auch das Leitbild der Initiative, die 2014 von Leiterin und Sozialpädagogin Ulrike Dietrich ins Leben gerufen wurde. Alle sollen teilhaben können. Manchmal braucht es dafür maßgeschneiderte Lösungsansätze und Hilfsmittel: „Man wird kreativ“, sagt Gründerin Ulrike Dietrich. So erklimmt eine blinde Teilnehmerin die Wand beispielsweiser dank präziser, verbaler Anweisungen. Auch den Achterknoten zur Sicherung beherrsche sie inzwischen allein, so Dietrich. Wichtig sei, offen zu bleiben, sagt Dietrich dezidiert – und so den eigenen Horizont zu weiten. Denn die Teilnehmenden sind immer wieder für neue Perspektiven und Inspirationen gut. Die Gründerin berichtet von einem jungen Mann mit starker körperlicher und motorischer Einschränkung. Aus diesem Grund habe sie ausgeschlossen, dass er jemals Vorstieg klettern würde: „Ich hätte mich nicht getraut, das mit ihm zu üben. Ich fand es zu gefährlich“, sagt Dietrich. Zwei Trainer haben es einfach ausprobiert. Sie sicherten ihn doppelt, trainierten akribisch jeden einzelnen Abschnitt und zeigten ihm, wie er das Seil in die Karabinerhaken einklinken muss. Irgendwann brauchten sie die zusätzliche Sicherung nicht mehr. „Und jetzt klettert er Vorstieg“, sagt Dietrich, lacht – und freut sich, dass sie falsch lag.
Bei den Gipfelstürmern zählt das Ausprobieren. Für jeden erklommenen Meter, jede Überwindung und jeden Schritt ernten die Teilnehmenden ermunternde Worte, ein High Five oder einen „Faustcheck“. Verbissener Leistungsdruck und Wettbewerbsgedanken? Fehlanzeige. „Man kann einfach da sein. Egal, ob man einen guten oder schlechten Tag hatte. Man hat immer Spaß, das ist das Schöne daran“, sagt Gipfelstürmer Philipp Nottmeyer. Er steht in Flip-Flops und fest eingeschnürt im Klettergurt vor der 18 Meter hohen Wand und sichert seine Kletterpartnerin Julia Störkle. Diese ist nervös. Sie war schon eine Weile nicht mehr im Heavens Gate und muss erst wieder „mit dem Material warm werden und Vertrauen kriegen“, wie sie sagt. Dabei hilft vor allem der sogenannte Partnercheck.
Sicherheit ist Trumpf
Diese akribische Prüfung aller Sicherungen kann über Leben und Tod entscheiden und ist für Kletternde und Sichernde unverhandelbar: Liegt der Gurt eng am Körper an, ist der Karabiner verriegelt und der Knoten auch wirklich festgezogen? Ganz schön viel Verantwortung, die in den Händen aller Gipfelstürmer liegt. Nichts, womit sie nicht klarkämen, findet Trainer Wagner: Die Teilnehmenden erfahren so Selbstwirksamkeit und steigern ihr Selbstvertrauen. Das Schöne an diesem Projekt ist, dass alle von allen lernen – ob mit oder ohne Behinderung. Alle können Verantwortung übernehmen. Oder einfach nur da sein, essen, ratschen, klettern.