Wie 8 000 Medien ein neues Zuhause fanden
München, den Datum: 29.09.2026Oberbayern-Bibliothek übernimmt Archivmaterial vom BR
Die Bibliothek des Zentrums für Volksmusik, Literatur und Popularmusik (ZeMuLi) in Bruckmühl hat großen Zuwachs bekommen: Mehr als 8000 Zeitschriften und Bücher aus dem Archiv des Bayerischen Rundfunks (BR) sind neu hinzugekommen. Wie es dazu kam, warum die Medien zunächst einen Umweg nehmen müssen und welche Rolle die neue Oberbayern-Bibliothek spielt, erklärt Archivleiterin Verena Wittmann im Interview.
Frau Wittmann, was war Ihr erster Gedanke, als klar war, dass Teile der BR-Bibliothek nach Bruckmühl kommen könnten?
Verena Wittmann: Ich wusste aus meiner Zeit als Mitarbeiterin beim BR, dass die Bibliothek inhaltlich sehr breit aufgestellt ist und wertvolle Bestände hat. Deshalb war schnell klar: Das ist ein sehr attraktives Angebot für uns. Der Bestand war hervorragend erschlossen und sehr gut erhalten.
Wie kam es überhaupt zu der Idee, Archivgut aus dem BR zu übernehmen?
Im Zuge der Konzentration auf den Standort Freimann wird ein Teil des bisherigen Rundfunk-Areals am Hauptbahnhof aufgegeben. Erste Überlegungen zum Fortbestand der Bibliothek gab es bereits Mitte der 2010-er Jahre, als ich selbst noch im Hörfunkarchiv gearbeitet habe. Aus dieser Zeit kenne ich den BR-Bibliothekar Thomas Zunhammer. Als feststand, dass die Bibliothek aufgelöst wird, sollte sie in „gute Hände“ kommen. Mit dieser Idee kam er 2023 auf den Bezirk zu.
Der BR hatte bis zuletzt rund 70 000 Medieneinheiten. Nicht alles wurde aufgelöst. Wer hat die Auswahl getroffen, was zu uns kommt und was nicht?
Die Auswahl entstand in enger Abstimmung zwischen BR und Bezirk. Gemeinsam mit meiner Kollegin Ina Rupprecht habe ich mit Thomas Zunhammer die Sammlungsschwerpunkte definiert: Bavarica, oberbayerische Kulturgeschichte, Bräuche, Volks- und Popularmusik sowie Literatur. Anschließend prüften wir, welche Werke für unseren Bestand relevant und welche bereits vorhanden waren. Thomas Zunhammer brachte dabei viele hilfreiche Hinweise ein. Am Ende war die Auswahl sehr gut kuratiert. Ein kleiner Teil, vor allem Materialien für die Klangkörper des BR wie das Symphonieorchester, blieb dort und ging ins hausinterne Notenarchiv. Andere Bestände wurden unter anderem an das Institut für Zeitgeschichte, das Lyrik Kabinett und die Internationale Jugendbibliothek in Schloss Blutenburg abgegeben.
Welche Vorarbeiten waren für die Übernahme nötig?
Zunächst musste das Interimsdepot im kbo-Inn-Salzach-Klinikum in Gabersee bei Wasserburg am Inn vorbereitet werden. Thomas Zunhammer entnahm die Bücher beim BR, Mitarbeitende des ZeMuLi verpackten sie vor Ort und ein Umzugsunternehmen brachte alles nach Gabersee. Gleichzeitig begann dort auch die Einlagerung weiterer Bibliotheksbestände aus dem ZeMuLi wegen des Umbaus in Bruckmühl.
Neben dem physischen Umzug mussten auch die Katalogdaten übernommen werden. Wie lief das ab?
Die Metadaten der einzelnen Bücher und Zeitschriften konnten wir ebenfalls übernehmen, sodass sie nicht komplett neu angelegt werden mussten. Verantwortlich dafür waren Ina Rupprecht und Severin Viktor in der Kulturabteilung des Bezirks – auch er war früher im BR-Archiv tätig und kennt sich daher in beiden Datenbanken gut aus. Anschließend wurden die Daten in MuseumPlus, die gemeinsame Kulturgüterdatenbank der Abteilung III, übernommen. Die Inhalte blieben gleich – etwa Titel, Autor oder Schlagworte –, das Erfassungssystem dahinter ist jedoch ein anderes.
War damit alles erledigt?
Nicht ganz. Die Datensätze sind zwar angelegt, müssen aber noch überarbeitet werden, weil die Datenfelder nicht vollständig übereinstimmen. Außerdem ergänzen wir die Provenienz „Bestand des BR“. Wir sprechen hier über kulturell wertvolle Bücher, deshalb soll transparent bleiben, woher sie stammen. Auch die Verschlagwortung passen wir an: Beim BR arbeiteten vor allem Redaktionen damit. Bei uns richtet sich das Angebot künftig an einen breiteren Nutzerkreis – deshalb passen wir auch Suchbegriffe und Kategorien an. Wenn die Bücher nach Abschluss der Generalsanierung dann endgültig an den Standort Bruckmühl umgezogen werden, müssen sie auch noch umsigniert werden. Das heißt, jedes Buch bekommt einen Aufkleber mit einer Signatur nach unserer Aufstellungssystematik.
Was sind die Highlights unter den Neuzugängen?
Zu den besonderen Stücken gehören das kleinste Buch der BR-Bibliothek, Weiß Ferdls Weißblaues Welttheater von 1961, und das Bayrisch Stammen-Buch von Wiguleus Hund zu Sultzenmoos aus dem Jahr 1598. Es ist das älteste Werk unter den Neuzugängen.
Und was freut Sie persönlich besonders an der Übernahme?
Wir konnten einige sehr schöne und kulturhistorisch wertvolle Bestände übernehmen. Gleichzeitig haben wir auf einen Schlag einen Grundstock für unsere neuen Bereiche Popularmusik und Literatur erhalten. Besonders freut mich, dass aus der Auflösung beim BR nun etwas Positives entstanden ist: Die Bücher bekommen ein neues Zuhause und bleiben zugänglich.
Die Übernahme steht auch im Zusammenhang mit der neuen Oberbayern-Bibliothek...
Der Bezirkstag hat entschieden, in Bruckmühl eine Oberbayern-Bibliothek aufbauen. Bisher war unsere Bibliothek vor allem eine interne Fachbibliothek. Mit dem neuen Gebäude sollen die Bestände künftig auch öffentlich zugänglich werden – für Fachleute ebenso wie für interessierte Laien. Geplant ist eine Kombination aus Präsenzbibliothek und Magazinbestand: Ein Teil der Medien kann direkt vor Ort genutzt werden, andere Bestände können recherchiert und bestellt werden.
Welchen praktischen Nutzen hat die Aufstockung für Ihre Arbeit?
Viele Medien stehen uns künftig direkt vor Ort zur Verfügung. Früher hätten wir dafür zur Bayerischen Staatsbibliothek fahren oder Bücher teuer antiquarisch erwerben müssen. Jetzt können wir dauerhaft auf diese Bestände zugreifen – direkt in Bruckmühl.