Schmuckkünstlerin Tzu-Yun Hung und Industriedesigner Janick Entrop aus München ausgezeichnet
München, den Datum: 12.11.2025Oberbayerischer Förderpreis für Angewandte Kunst 2025 verliehen
Der Bezirk Oberbayern hat am Mittwoch auf der Messe Heim+Handwerk in München vier Nachwuchstalente mit dem Oberbayerischen Förderpreis für Angewandte Kunst 2025 ausgezeichnet. Zwei der vier Preise gingen nach München: an die Schmuckkünstlerin Tzu-Yun Hung und den Industriedesigner Janick Entrop.
Tzu-Yun Hung, geboren 1989 in Taipeh (Taiwan), wurde für ihre dreiteilige Schmuckarbeit Exercises in Disappearance geehrt – eine poetische und zugleich präzise Untersuchung von Erinnerung, Identität und kultureller Zugehörigkeit.
Hung besuchte die Fu Jen Catholic University in Taipeh (B. F. A.), die Goldschmiedeschule Pforzheim sowie die Hochschule Pforzheim – Fakultät für Gestaltung (B. A.). Seit 2021 studiert sie an der Akademie der Bildenden Künste München in der Klasse von Prof. Karen Pontoppidan.
Ihre Arbeit aus den Teilen Brosche, Armband und Kette fertigte sie aus Radiergummis und Heftklammern und ließ Fragmente persönlicher Erinnerungen einfließen. Die Materialien stehen für Korrektur, Kontrolle und Auslöschung, zugleich aber auch für Verletzlichkeit und das Ringen um Identität zwischen zwei Kulturen.
Die Jury würdigte die Arbeit für ihre ungewöhnliche Materialwahl und gestalterische Sensibilität.
Zitate der Jury:
„Autorenschmuck in tragbarer Form“ (Dr. Josef Straßer, Konservator für Design an der Neuen Sammlung des Staatlichen Museums für Angewandte Kunst München)
„Besonders hervorzuheben ist die organisch-abstrakte Formensprache: Die Kreisform wird immer wieder unterbrochen. So entstehen Spannungsfelder zwischen Weichheit und Härte, Dichte und Offenheit. Eine berührende künstlerische Position, die über das Medium des Schmucks hinauswirkt.“ (Stefanie Brehm, Künstlerin)
„Dass es bei diesen Objekten um Schmuck geht, also um Zeichen am Körper, ist ein ironisches Paradoxon. Entfernt ein Radiergummi doch eigentlich Zeichen, anstatt sie zu setzen.“ (Barbara Schmid, Leitung Galerie Handwerk München)
Mit seinem Projekt Objekte der Erinnerung beeindruckt Janick Entrop durch eine sensible und zugleich technisch innovative Auseinandersetzung mit der Geschichte. Der 1996 geborene Gestalter erhielt den Preis für seine Arbeit, die sich den baulichen Spuren des Nationalsozialismus im heutigen München widmet.
Nach seiner Ausbildung zum Schreiner bei der Martin Kohlstall GmbH in München absolvierte Entrop eine Weiterbildung zum Gestalter im Handwerk an der Akademie für Gestaltung und Design der Handwerkskammer München und Oberbayern. Seit 2023 studiert er Industriedesign an der Hochschule München.
In Objekte der Erinnerung dokumentierte er an fünf historisch belasteten Orten – der Ludwig-Maximilians-Universität, der Alten Pinakothek, dem Museum für Abgüsse Klassischer Bildwerke, der Hochschule für Musik und Theater sowie dem Haus der Kunst – die sichtbaren Narben des Zweiten Weltkriegs mittels 3D-Scan. Diese digitalen Aufnahmen wurden in Eiche und Polylactid per 3D-Druck zu physischen Objekten rekonstruiert.
Die entstandenen Artefakte stehen für das, was nicht verschwunden ist – weder im Stein noch in der Gesellschaft. Entrop versteht sein Projekt „als Beitrag zur Erinnerungskultur und als gestalterische Mahnung angesichts aktueller rechter Tendenzen“.
Zitate der Jury:
„Durch den Nationalsozialismus verursachte ‚Narben‘ an historischen Gebäuden Münchens werden nicht nur aufgezeigt, sondern mit zeitgemäßen Methoden reproduziert und damit in einem anderen Medium verfügbar gemacht.“ (Dr. Josef Straßer, Konservator für Design an der Neuen Sammlung des Staatlichen Museums für Angewandte Kunst München)
„Erst beim Auseinandernehmen wird sichtbar, was sich im Inneren verbirgt. Dadurch entsteht ein starkes Bild: Erinnerung ist nicht immer offensichtlich – sie muss bewusst offengelegt werden.“ (Stefanie Brehm, Künstlerin)
„Die alten Wunden aus dem Zweiten Weltkrieg verheilen nur langsam. An manchen Orten jedoch nie, sie bleiben als mahnende Erinnerung und stille Zeugen. Das Kästchen mit dem Abdruck einer Wunde an öffentlichen Orten birgt dieses Geheimnis, als Fragment außerhalb des Kontexts. Fragen tauchen auf – in den Antworten finden Geschichte und Geschichten Zeit und Raum.“ (Barbara Schmid, Leitung Galerie Handwerk München)
Eine Fachjury aus Design, Kunst und Politik hatte die Preisträgerinnen und Preisträger aus 53 Bewerbungen ausgewählt. Sie legte besonderen Wert auf Innovation, Funktion, Ästhetik, Ausführung und handwerkliche Qualität. Bewerben konnten sich junge Gestalterinnen und Gestalter aus allen Bereichen der angewandten Kunst – von Holz, Metall, Glas und Keramik bis zu Schmuck und Textil.
Mit dem Nachwuchsförderpreis, den der Bezirk seit 2010 jährlich vergibt, unterstützt er junge Kreative bis 35 Jahre, die in Oberbayern leben oder arbeiten. „Der Preis verdeutlicht, wie einfallsreich und facettenreich die junge Kunstszene in Oberbayern ist“, sagte die stellvertretende Bezirkstagspräsidentin Friederike Steinberger bei der Preisverleihung. „Das Leitmotiv des Bezirks Oberbayern ‚Wir stärken Menschen‘ gilt auch für diese Talente, die mit neuen Ideen und Materialien mutig bekannte Themen auf ihre Weise interpretieren.“
Auf der Messe Heim+Handwerk werden die Preisträgerarbeiten bis 16. November in einer Ausstellung gezeigt. Zu sehen sind außerdem die Arbeiten von weiteren 22 Bewerberinnen und Bewerbern, die ebenfalls die Jury ausgewählt hat. 17 von ihnen kommen aus München: Anna Avits, Charlotte Beigel, Julius Fest, Katharina Hansel, Julie Janda, Antonia Lippert, Florian Clemens Meier, Elisabeth Ort, Rosanna Maria Pondorf, Angelika Dominique Rauchenberger, Lorena Rode, Moritz Schult, Maja Stojkovska, Sonja Titel und Lilli Zentgraf.
Ausstellung:
bis 16. November 2025, täglich von 9 bis 18 Uhr
Messe Heim+Handwerk, Halle B 6, Fläche 618
Informationen zu allen Ausstellenden und Objekten finden Sie auf der Ausstellungsseite
Bildmaterial zum Download
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Tzu-Yun Hung (rechts) erhält für die Schmuckserie "Exercises in Disappearance" den Oberbayerischen Förderpreis für Angewandte Kunst aus der Hand der stellvertretenden Bezirkstagspräsidentin Friederike Steinberger.
Foto: Heike Geismar
Copyright: Bezirk Oberbayern
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Die Schmuckkünstlerin Tzu-Yun Hung wurde für ihre filigrane, dreiteilige Arbeit "Exercises in Disappearance" mit dem Oberbayerischen Förderpreis für Angewandte Kunst geehrt.
Foto: Heike Geismar
Copyright: Bezirk Oberbayern
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Tzu-Yun Hung: Exercises in Disappearance; Radiergummi, Heftklammer, Silikon; 14 x 11 x 3,7 cm
Foto: Wanying Xie
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Wanying Xie: Exercises in Disappearance 01; Radiergummi, Heftklammer, Silikon ;
14 x 11 x 3,7 cm
Foto: Wanying Xie
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Janick Entrop erhält den Oberbayerischen Förderpreis für Angewandte Kunst für die "Objekte der Erinnerung" aus der Hand der stellvertretenden Bezirkstagspräsidentin Friederike Steinberger.
Foto: Heike Geismar
Copyright: Bezirk Oberbayern
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Jannick Entrops "Objekte der Erinnerung" zeigen Abdrücke von Gebäuden aus dem zweiten Weltkrieg, die mit 3D-Scans wiedergegeben wurden. Für diese Arbeit wurde er mit dem Oberbayerischen Förderpreis für Angewandte Kunst ausgezeichnet.
Foto: Heike Geismar
Copyright: Bezirk Oberbayern
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Janick Entrop: Objekte der Erinnerung; Eiche, Polylactid (PLA); 3D-Druck; 10 x 10 x 4 cm
Foto: Tianxiong Zhong
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