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Anker für die seelische Gesundheit

München, den Datum: 28.11.2025

Heilend oder toxisch? Freundschaften aus der Perspektive der Psychiatrie

Warum stabile Freundschaften ein entscheidender Schutzfaktor für unsere mentale Gesundheit sind, welche Gefahren anhaltende Einsamkeit birgt und wie wir belastende Beziehungen erkennen, erklärt Ruth Höfter, Chefärztin im Bereich Regionalversorgung am kbo-Inn-Salzach-Klinikum im Interview mit Martin Knobel.

Portraitfoto einer Frau mit Brille im Arztkittel
Ruth Höfter, Chefärztin am kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg (Foto: AVISIO photography )
Kann Freundschaft psychischen Probleme vorbeugen oder beim Heilungsprozess von psychischen Krankheiten helfen?

Ruth Höfter: Freundschaft ist weit mehr als ein soziales Beiwerk – sie ist ein zentraler Schutzfaktor für unsere psychische Gesundheit. Enge, vertrauensvolle Beziehungen geben uns das Gefühl, gesehen, akzeptiert und getragen zu werden. Das hat direkte Auswirkungen auf unser seelisches Gleichgewicht. Studien zeigen, dass stabile Freundschaften depressive Symptome abmildern, Ängsten vorbeugen und die allgemeine Lebenszufriedenheit erhöhen. Die emotionale Unterstützung durch Freunde wirkt wie ein psychologisches Pufferkissen gegen die Belastungen des Alltags. Freundschaften sind also ein Schutzfaktor für die psychische Gesundheit: Menschen mit stabilen sozialen Beziehungen sind seltener psychisch krank, erleben weniger depressive Episoden und haben eine höhere Resilienz in Krisen. Freundschaften wirken stabilisierend.

Im Umkehrschluss: Welche Gefahren birgt Einsamkeit?
Einsamkeit kann eine Rolle in der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen Erkrankungen spielen. Sie kann zu einem inneren Rückzug führen, der sich nicht selten in Depressionen, Angststörungen oder sogar Substanzmissbrauch äußert. Auch körperliche Folgen sind inzwischen gut dokumentiert. Einsamkeit ist ein realer Gesundheitsfaktor.

Stimmt es, dass sich immer mehr Menschen einsam fühlen?
Zunächst einmal ist Einsamkeit ein subjektives Phänomen, das nicht mit Alleinsein oder objektiver Isolation verwechselt werden darf. Um das Ausmaß an Einsamkeit in Deutschland zu messen, werden großflächige Umfragen, wie das Sozio-ökonomische Panel oder die Erhebung der Bertelsmann Stiftung durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass vor der Corona-Pandemie Einsamkeit vor allem ein Phänomen des Alters war. Nun sind auch jüngere Menschen zusehends stark und nachhaltig betroffen. Junge Frauen dabei noch häufiger als junge Männer. Die Ursachen für Einsamkeit unterscheiden sich hinsichtlich der Altersgruppen: Ältere Menschen leben häufiger allein und sind oftmals viel weniger mobil. Altersarmut ist ein weiterer Risikofaktor, der Einsamkeit im Alter begünstigen kann. Junge Menschen wiederum werden heute unter ganz neuen Bedingungen erwachsen. Veränderte Kommunikations- und Umgangsformen spielen hier sicherlich eine Rolle. Das kann Auswirkungen darauf haben, dass die Anzahl der Kontakte vielleicht als ausreichend empfunden wird – deren Qualität jedoch nicht.

Ab wann sollten sich Betroffene professionelle Hilfe suchen?
Stabile Beziehungen sind der beste Schutz, um die psychische und damit auch die körperliche Gesundheit zu schützen. Wenn die Sorgen aber drohen, überhandzunehmen, ist es unbedingt ratsam, einen Experten aufzusuchen. Wenn sich das Gefühl der Einsamkeit über Wochen oder Monate hält, wenn es sich mit Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder Hoffnungslosigkeit verbindet, dann sollte man sich unbedingt professionelle Hilfe holen. Beratungsstellen, Psychotherapie oder Gruppenangebote bieten gute Wege, aus dem sozialen Rückzug wieder herauszufinden.

Reicht ein Freund beziehungsweise eine Freundin oder braucht es eine ganze Gruppe?
Entscheidend ist weniger die Anzahl der Freundschaften als deren Qualität. Für manche Menschen reicht eine einzige, tiefgehende Verbindung. Andere brauchen ein größeres Netzwerk, um sich wirklich verbunden zu fühlen.

Was sind Anzeichen dafür, dass eine Freundschaft ungesund ist oder uns schadet?
Wenn Beziehungen dauerhaft belastend sind, wenn sie einseitig, manipulativ oder emotional ausbeuterisch werden, spricht man von sogenannten „toxischen Freundschaften“. Warnsignale sind etwa Schuldgefühle, wenn man eigene Grenzen setzt, ständiges Geben ohne Gegenseitigkeit oder emotionale Abhängigkeit. In solchen Fällen ist es wichtig, Grenzen zu ziehen – und wenn nötig, sich auch aus der Beziehung zu lösen. Das ist oft schmerzhaft, aber langfristig heilsam.