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Leichte Sprache

Fachtag  "So will ich wohnen"

Menschen mit Behinderungen wissen selbst am besten:

So will ich wohnen und leben.

Sie sind Experten in eigener Sache;

Dieser Satz steht deshalb auch auf den Buttons im Foto.

Von der Idee zum Fachtag

Die Idee des Fachtags „So will ich wohnen und leben - das brauche ich dazu!“ war, gemeinsam mit Selbstvertretern (nachfolgend Experten), Leistungserbringerverbänden, Fachleuten und dem Bezirk Oberbayern ein neues Format des Austausches zu erproben. Ziel war es auch Erfahrungen zu sammeln, wie künftig Menschen mit Lernschwierigkeiten und Mehrfachbehinderungen in für sie relevante Entscheidungsprozesse eingebunden werden können.

Menschen mit Behinderungen erleben immer wieder, dass andere für sie denken, planen und handeln. Viel zu wenig wird gemeinsam und ergebnisoffen über Fragen wie z. B. „Wie will ich wohnen und leben?“ miteinander diskutiert. Der international bekannte Slogan „Nicht über uns ohne uns“ fordert ein starkes Selbstbewusstsein der betroffenen Menschen und signalisiert einen deutlichen Anspruch auf Selbstbestimmung.

Die Arbeitsgruppe hat sich zum Ziel gesetzt, Anregungen und Informationen zu sammeln und darzustellen, wie Betroffene ihre Lebens- und Wohnsituation sehen und was sich aus ihrer Sicht verändern soll.

Die Dokumentation ist aus Gründen der leichteren Lesbarkeit in neutraler Form verfasst. Sowohl weibliche, diverse als auch männliche Personen werden berücksichtigt.

Vorbereitung und Ablauf


 
Einladung
Foto: Stefan Albers
© Lebeneshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V. Illustrator Stefan Albers, Atelier Fleetinsel, 2013
Die neu gebildete Arbeitsgruppe, bestehend aus Verbandsvertretern, Selbstvertretern, Experten in eigener Sache und Vertretern der Bezirksverwaltung, hat sich der Aufgabe angenommen, einen partizipatorischen Fachtag zu organisieren.

Es wurden 60 Teilnehmer durch die Verbandsvertreter eingeladen. Sie unterscheiden sich in der Form, wie sie leben und wohnen, sowie in Alter, Geschlecht, Nationalität, Kommunikationsmöglichkeiten und Grad der Behinderung. Die Experten wohnen im elterlichen Haushalt, in einer eigenen Wohnung mit ambulanter Unterstützung, im Appartementwohnen oder in einer Wohngruppe. Die Mehrheit der Experten leben in einer Wohngruppe. Dies spiegelt sich auch in den Themen und Schwerpunkten der Aussagen wider.

Für den Fachtag wurde als Methodik das Format der Workshops gewählt. Die Workshop-Gruppen umfassten 6 – 8 Teilnehmer, die durch Moderatorentandems von Menschen mit und ohne Behinderung geleitet wurden. Durch den Tag moderierte Susanne Göbel, eine bundesweit bekannte Spezialistin zu den Themen Selbstbestimmung und Leichte Sprache. Der Fachtag fand in den Räumlichkeiten der Barlachschule (Stiftung Pfennigparade) in München statt. Das Catering wurde durch die Werkstatt von Menschen mit Behinderung der Lebenshilfe München organisiert.

Moderatorin spricht zu den Teilnehmern Moderatorin spricht zu den Teilnehmern
© Bezirk Oberbayern
Nach der offiziellen und herzlichen Begrüßung durch die Veranstalter wurde zur Einstimmung der Teilnehmenden ein Theaterstück des Kreativlabors der Stiftung Pfennigparade aufgeführt. Anschließend fanden die Experten ihre Workshop-Gruppen mit Hilfe von Symbolen auf ihren Namensschildern. Schwerpunkte der Workshops waren die Erfassung der jetzigen Wohnsituation im Positiven und Negativen, sowie die Sammlung ihrer Wünsche und Träume. Die Informationen der Teilnehmer wurden auf Plakaten zusammengetragen. Dabei wurden Leichte Sprache, Symbole, Bilder, mitgebrachte Gegenstände und Moderationskarten verwendet. Am Ende des Tages wurden die Ergebnisse im Plenum durch Sprecher der Gruppen präsentiert.

Ergebnisse



Moderatorin Frau Göbel zeigt auf Plakate Moderatorin Frau Göbel zeigt auf Plakate beim Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern
Die begeisterte und motivierte Mitarbeit in den Workshop-Gruppen spiegelt sich in den vielschichtigen und konstruktiven Ergebnissen wider. Die Experten äußerten Wünsche nach einem selbstbestimmten Leben, als erwachsener Mensch behandelt zu werden sowie sich Fähigkeiten und Kompetenzen anzueignen. Sie sprachen Themen wie Freundschaft, Partnerschaft und Sexualität an. Ebenso thematisierten sie die Zusammensetzung von Wohngruppen, Möglichkeiten der Auswahl ihrer Mitbewohner sowie den Wunsch nach kleineren Wohneinheiten. Kritisch angesprochen haben Experten die Personalsituation und -fluktuation. Deren große Bedeutung für die Experten zieht sich wie ein roter Faden durch die verschiedenen Themenbereiche. So hat sie ebenfalls Einfluss auf die Freizeitgestaltung, welcher die Experten einen hohen Stellenwert einräumen. Sie wünschen sich vor allem Freizeitgestaltung mit Freunden, flexible Freizeitassistenz, individuelle Angebote (nicht nur im Gruppenkontext) sowie die Mitbestimmung bei deren Gestaltung. Allgemein haben Experten immer wieder auf die Relevanz einer barrierefreien Umgebung und Ausstattung hingewiesen.

Die im Folgenden dargestellten Ergebnisse umfassen auch Einzelaussagen und spiegeln die Vielfalt der Sichtweisen der Teilnehmer wider. Die Aussagen wurden nicht hinterfragt.

Die Experten sammelten Aussagen zu folgenden Themenfeldern: Freizeitgestaltung, Infrastruktur, Wohnform und Ausstattung, Strukturen in Wohngruppen, Gemeinschaftsleben, Soziale Kontakte und Partnerschaft sowie Selbst- und Mitbestimmung.

1 Strukturen in Wohngruppen

Der Themenschwerpunkt Strukturen in Wohngruppen umfasst den Rahmen und die Abläufe in Wohngruppen. Zu Beginn werden die übergreifenden Aussagen zu den Strukturen mit positiven und negativen Aspekten beschrieben und im Folgenden auf Schwerpunktthemen eingegangen.

Deutlich wurde im Rahmen der Strukturen, dass sich die Experten klare Abläufe und Rahmenbedingungen, jedoch auch eine gewisse Flexibilität wünschen.

Gut finden Experten, Aufgaben im alltagspraktischen Bereich zu übernehmen, dies mit Unterstützung üben zu können und Selbständigkeit zu erlernen. Als schön erleben sie es, dass immer jemand da ist, wenn sie genau so viel Unterstützung erhalten wie sie brauchen, sowie wenn Betreuer zuverlässig und nett sind. Auch gesetzliche Betreuung erleben Experten als unterstützend. Wichtig finden Experten die Ermöglichung von Wochenendfahrten zu ihren Familien sowie die Unterstützung der Familie. Positiv beurteilen sie die Hausordnung in Leichter Sprache und die regelmäßige Bewohnerbesprechung.

Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist gut! Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist gut!
© Bezirk Oberbayern
Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist doof! Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist doof! auf dem Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern
Negativ beurteilen Experten eine zu geringe Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse, eine zu geringe Unterstützung und eigenständiges Putzen. Kritisch sehen sie auch bestehende organisatorische Strukturen wie An- und Abmeldekontrolle, eine eingeschränkte Fehltageregelung bezüglich Heimfahrten, festgelegte Aufsteh- und Zubettgehzeiten sowie Alkoholverbot in der Wohngruppe. Als negativ bewerten sie zudem, dass es zu wenig inklusive Wohnformen gibt. Hinsichtlich der Zusammensetzung der Wohngruppen äußerten Experten Wünsche sowohl nach homogeneren als auch nach heterogeneren Gruppen. Weiterhin finden Experten, dass die Altersspanne der Bewohner zu groß ist.

Gut bewerten Experten, dass in einigen Wohngruppen Haustiere erlaubt sind. Andere Experten, in deren Zuhause keine Haustiere erlaubt sind, äußerten den Wunsch danach. In diesem Zusammenhang diskutierten Teilnehmer auch die Pflege und Verantwortung, die ein Tier mit sich bringt.

Positiv heben Experten das gute Essen und gemeinsames Kochen hervor. Einige finden es angenehm bekocht zu werden, Mahlzeiten frei auswählen zu können und sie selbständig zu planen. Es gab aber auch Experten, die eigenständig kochen wollen, denen es aber nicht ermöglicht wird. Kritsch wurde auch angemerkt, dass die Essensplanung oftmals durch dieselben Personen erfolgt, die Auswahl eingeschränkt ist oder das Essen weggesperrt wird. Weiterhin äußern Experten Wünsche nach warmem Essen am Abend und gemeinsamem Essen in kleineren Gruppen.

Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist gut! Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist gut!
auf dem Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern
Im Bereich Finanzen finden Experten, dass ihnen zu wenig Geld zur Verfügung steht, vor allem für Kleidung, Urlaub, Möbel und Fahrten. Unklarheiten bestehen für Experten bezüglich der Kostenträger. Als negativ bewerten sie, dass es bei der Finanzierung von Wohnraum starre Regelungen gibt. Durch die Vorgaben der Grundsicherung sei ein Zusammenziehen mit dem Partner nicht möglich, da sonst Kürzungen drohten. Experten wünschen sich die freie Verfügbarkeit der Rente, einen höheren Wohnungszuschuss, unbegrenztes Sparen sowie mehr Geld, über das sie eigenständig verfügen können.

Das Thema Personal betrifft unterschiedliche Themenfelder. Die Äußerungen beziehen sich auf die Bereiche Strukturen, Selbst- und Mitbestimmung und Freizeitgestaltung.

Im Bereich der Strukturen bewerten Experten positiv eine langjährigen Beschäftigung von Assistenten, eine gute Personalausstattung und die Unterstützung durch zuverlässige und nette Betreuer.

Negativ bewerten sie häufigen Personalwechsel. In diesem Zusammenhang wurde der wiederkehrende Trennungsschmerz im Rahmen der Personalfluktuation sowie ein krankheitsbedingter Personalmangel thematisiert. Experten berichteten, dass in den Zeiten der regulären Werkstattzeiten kaum Personal im Wohnheim vorgehalten werde, so dass bei einzelnen Urlaubstagen keine Unternehmungen möglich seien. Wünsche und Ideen sind, dass die Dienstplanung sowohl bewohner- als auch mitarbeitergerecht partizipativ gestaltet wird. Im Weiteren haben Experten die Idee, den Dienstplan eigenständig zu erstellen und beispielsweise Betreuer nach Hause schicken zu können.

Im Bereich der Kommunikation äußern Experten, dass sie sich sowohl im inhaltlichen als auch sprachlichen Sinne nicht immer verstanden fühlen und es gerade mit Mitarbeitern von Zeitarbeitsfirmen Verständigungsschwierigkeiten gibt. Teilweise seien Betreuer unfreundlich, stritten untereinander oder werden von den Experten als lästig empfunden. Zudem besteht das Gefühl, dass die Betreuer den Experten Steine in den Weg legen und durch die Bürokratie weniger Zeit für die Betreuung bleibt.

Zusammengefasst haben Experten im Bereich Personal den Wunsch nach einer besseren Ausstattung und Mitsprache in der Personalauswahl. Sie wünschen sich mehr „Hände“ und mehr Begleitung zu Aktivitäten. Außerdem äußerten sie den Wunsch, dass die Betreuer im medizinischen Bereich bei leichten Verletzungen sofort helfen dürfen.

2 Freizeitgestaltung

Die Freizeitgestaltung halten Experten für äußerst bedeutsam für eine hohe Lebensqualität. Gerade hier ist für sie der Personalschlüssel ein relevanter Faktor. Sie erzählen, dass es zu wenige Mitarbeiter gibt, um Freizeitaktivitäten zu begleiten und diese spontan zu unternehmen. Experten wünschen sich flexibel abrufbare Freizeitassistenz und Mitbestimmung bei der Personalauswahl.

Gleichzeitig berichten sie von schönen Ausflügen, Reise- und Freizeitangeboten, gemeinsamen Aktivitäten wie Biergartenbesuche, Singen, Schwimmen, Spielen, Malen, Grillen, Theatergruppe, Besuche und Durchführungen von Musikveranstaltungen, Feste feiern und gemeinsam Spaß haben.

Wichtig für Experten ist die selbstbestimmte Entscheidung über Aktivitäten sowie die Entscheidung, Aktivitäten alleine durchführen zu können. Sie wünschen sich Aktivitäten im Umfeld und gemeinsame Urlaube mit Freunden und Betreuern. Aufgezählt wurden Reisen nach Frankreich, Berlin, Thailand und Italien, sowie auch eine Schiffsreise. Weitere Wünsche waren z. B.
  • Schwimmen und regelmäßige Thermalbadbesuche
  • Tandemfallschirmspringen
  • Mit der Bergausrüstung in der Felswand baumeln
  • Shoppen/ Stadtbummel
  • Besuch einer Disko, Kneipe, Oper und Konzerten
  • Abends mal rausgehen
  • Veranstaltungen im kulturellen Bereich wie Besuche von Museen und VHS-Kursen
  • Blumen und Pflanzen eigenständig großziehen und pflegen


Kritisch berichteten sie von einem Mangel an Freizeitangeboten, fehlender Mitsprache bei Ausflügen und zu wenig selbstgestalteter Zeit.

3. Infrastruktur

Das Thema Infrastruktur greift die Anbindung, Lage und das Umfeld des Wohnortes der Experten auf.
Experten hoben positiv eine zentrale Lage des Zuhauses und einen schönen Wohnort hervor. Wichtig sind ihnen Freizeitmöglichkeiten im nahen Umfeld, wie beispielsweise ein Café im Haus, Einkaufsmöglichkeiten, die Nähe zur Familie sowie ein kurzer Weg zur Arbeit. Gleichzeitig soll die Arbeit in räumlicher Distanz liegen.
Kritisch betrachten Experten fehlende Restaurants in der Nähe, einen langen Arbeitsweg, fehlende barrierefreien Toiletten und enge Gänge im Supermarkt. Hier wünschen sich die Experten eine bessere Einbeziehung und Berücksichtigung ihrer Bedürfnisse. Kritisch betrachten sie auch den Mangel an behindertengerechten Wohnungen.
Wichtig finden Experten eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr sowie einen barrierefreien Zugang dazu. Sie wünschen sich auch uneingeschränkte Mobilität durch ein eigenes Auto oder mehr Busse für die Wohngruppen. Schade finden sie, nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können.

4. Wohnformen und Ausstattung

Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Ich träume! Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Ich träume! auf dem Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern

Die Experten äußern vielfältige Wohnideen, wie beispielsweise:

  • Auf dem Land wohnen
  • 2er WG mit der Freundin, Pool, WLAN und mit dem Pferd zur Arbeit
  • Wohnen mit ruhigen Leuten, die Phantasiegeschichten mögen
  • Wohnen auf dem Bauernhof
  • Haus am See
  • In einem Hochhaus wohnen
  • Eine Wohnung im Kirchturm
  • Ein barrierefreies Ferienhaus in Schweden
  • Haus mit 5 Zimmern und Bad, inkl. Apartment für Gäste und Assistenz mit Thermalbad

Experten wünschen sich eine eigene Wohnung, Wahlmöglichkeiten und inklusive Wohnformen. Sie wollen sich ihre Mitbewohner aussuchen können. Sie möchten eine Wohngemeinschaft gründen, unterschiedliche Wohnformen auszuprobieren, in kleineren Wohngruppen mit 4 – 5 Bewohnern oder auch im Ausland leben. Das Appartementwohnen bietet aus Expertensicht mehr Platz als ein Wohnheim.

Als gute Ausstattung einer Wohnung betrachten Experten eine Terrasse, ein großes Bad, große Fenster, ein Sofa, ein Telefon. Sie wünschen sich Barrierefreiheit, breitere Türen, rollstuhlgerechte Einrichtungen, Einzelzimmer für alle, größere Zimmer mit eigenem Bad, ein eigenes Zimmer für die Betreuer, eine Übernachtungsmöglichkeit für Gäste, WLAN, einen Billardtisch, Fußballtore für den Garten und einen Pool.

Entsprechend kritisieren sie das Fehlen einer Terrasse oder eines Balkons, eines Aufenthaltsraumes, eines Speichers und eines Internetzugangs. Sie bemängeln auch zu kleine Zimmer und Doppelzimmer. Als schlecht bewerten sie allgemein Barrieren sowie konkret, wenn sie die Küche oder den Badschrank nicht eigenständig nutzen können.

Weiterhin berichten Experten über Mängel wie schlechte Bauqualität, Stromausfälle, Wasserschäden, Mäuse und Pfusch am Bau, die Temperatur, sowohl Hitze als auch Kälte, in den Räumlichkeiten und mit Modernisierungsarbeiten am Haus einhergehenden Belästigungen. Die Förderung von Bau- und Umbaumaßnahmen nehmen Experten als kompliziert wahr.

Bei Umzügen wünschen sich Experten, im Vorfeld die Räumlichkeiten besichtigen sowie die Möbel eigenständig aussuchen und bei einem Umzug mitzunehmen zu können.

5. Gemeinschaftsleben

Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist doof! Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Das ist doof! auf dem Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern
Wohngruppen bezeichnen Experten als „Zwangsgemeinschaften“. Sie bemängeln, dass sie kaum Einfluss auf die Wahl ihrer Mitbewohner haben. Einige Experten wünschen sich eine homogenere Zusammenstellung ihrer Gruppe oder ein Zusammenwohnen mit Freunden. Schwierigkeiten sehen Experten in der Achtung der Privatsphäre. So berichten sie, dass eigens gesetzte Grenzen durch Mitbewohner nicht eingehalten und der Rückzugsort Zimmer nicht respektiert wird. Weiterhin haben sie das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Streitigkeiten, die besonders in Doppelzimmern auftreten, erzeugen schlechte Stimmungen, ebenso wie Lästern, Kommandieren durch andere Mitbewohner oder das Erzählen von Gerüchten. Auch empfinden Experten die Lautstärke in Wohngruppen als störend, im Gegenzug wünschen sie sich, laut Musik hören zu können. Experten führen auf, dass bei einer Gruppengröße von mehr als sieben Bewohnern die generelle Geräuschkulisse als nicht mehr erträglich empfinden.

Im Gegenzug berichten Experten, dass in ihrer Wohngruppe eine gute Stimmung herrscht, sich alle untereinander gut verstehen, es einen guten Zusammenhalt gibt und man sich gegenseitig unterstützt. Das gemeinsame Wohnen mitsamt den gemeinsam zu erledigenden Aufgaben, gemeinsamen Aktivitäten und Festen empfinden sie als positiv. Es haben sich Freundschaften innerhalb der Wohngruppe gebildet, und die Wohngruppe ist ein Ort der Geborgenheit und Rücksichtnahme, an dem offen über Probleme gesprochen werden kann. Eine ruhige Gruppe und eine Frauengruppe betrachten Experten als schönes Wohnumfeld.

Es besteht der Wunsch, nach dem Tod eines Mitbewohners dessen Platz nicht direkt neu zu belegen und eine Trauerzeit einzuräumen.

6. Soziale Kontakte und Partnerschaft

Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Ich träume!	


Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Ich träume!auf dem Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern
In diesem Bereich äußern Experten viele Wünsche. Sie möchten ihre Freunde oder den Partner/ Verlobten treffen, neue Freunde kennenlernen, Kontakte zur Familie halten, soziale Kontakte zu Menschen auch ohne Behinderung aufbauen und pflegen. Sie wünschen sich zu heiraten, eine Familie zu gründen oder mit dem Partner/-in zusammenzuwohnen. Sie möchten selbstbestimmt Zeit mit Freunden oder mit dem Partner zu verbringen und nicht immer mit der gesamten Gruppe.

Experten äußern den Bedarf an einer Anlauf- und Informationsstelle für den Themenbereich Liebe, Partnerschaft und Sexualität, die sich unter anderem mit dem Thema Sexualassistenz befasst.

Positiv berichten Experten über den Besuch von Freunden sowie den guten Kontakt zu den Nachbarn. Kritisch thematisieren sie den Umgang der Gesellschaft mit Menschen mit Behinderung. So empfindet ein Experte beispielsweise, dass manche Menschen „böse“ mit ihm umgehen. Auch wurde erzählt, dass in der Vergangenheit in der Familie schlechte Erfahrungen gesammelt wurden.

7. Selbst- und Mitbestimmung

Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Ich träume! Plakat mit Ergebnissen zu der Überschrift: Ich träume! auf dem Fachtag: So will ich wohnen
© Bezirk Oberbayern
Experten berichten, dass sie Selbst- und Mitbestimmung in ihren Wohnbezügen erleben. Dies zeigt sich z. B. durch positive Äußerungen im Bereich der Freizeitgestaltung...
  • Freie Entscheidung und Mitsprache über die Gestaltung der Freizeit
  • Eigenständig Ausflüge machen
  • Achtung der Privatsphäre
  • Zeit zur Selbsteinteilung
  • Selbstbestimmt leben, gestalten und entscheiden
  • Versorgung eines eigenen Haustieres
  • ...und im alltagspraktischen Bereich:
  • Unterstützung der Selbstständigkeit
  • Alleine Dinge tun, wie Aufräumen, Kochen, Waschen Duschen, Fahrrad fahren und lange Aufbleiben
  • Eigene EC-Karte
Experten möchten in ihrer Selbständigkeit unterstützt werden und neue Fertigkeiten lernen. Sie möchten ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und danach handeln.

Kritisch berichteten sie von der Notwendigkeit häufiger Absprachen und von begrenzter Entscheidungsfreiheit. Sie empfinden ihr Leben häufig als fremdbestimmt, z. B. wenn Betreuer vorgeben, was sie machen sollen oder dürfen, oder wenn die Heimleitung ihre Mitbewohner auswählt und die Gruppenzusammensetzung festlegt. Experten erleben ihr Angewiesen-Sein auf Hilfe und eine geringe Würdigung ihrer Kompetenzen als belastend.

Experten wollen nicht als Kind behandelt, sondern ernst genommen werden. Sie wünschen sich ein selbstbestimmtes und unabhängiges Leben, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Sie wünschen sich Eigenständigkeit, das Eingehen auf ihre Wünsche und Rechte sowie Unterstützung durch die Kostenträger.

Neben diesen übergreifenden Wünschen äußerten Experten auch persönliche konkrete Wünsche, z. B.:
  • Führerschein machen
  • Mitbestimmung beim Umzug
  • Bei Neubauten und Umbauten einbezogen werden
  • Heiraten
  • Ganztags arbeiten, eine Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt
  • Stationsansagerin der S-Bahn
  • Glücklich, zufrieden und gesund leben
  • Sich materielle Wünsche selbstständig erfüllen können (Handy, Schuhe)

Ausgewählte Aussagen von Plakaten der Workshop-Gruppen:


Das ist gut …
„Einrichtungen sind super!“
„Zimmer selbst einrichten und gestalten“
„Zusammenleben mit den Mitbewohnern“
„Die Betreuer sind immer für uns da“
„Bewohnerbesprechung“
„Selbstständigkeit und Mitbestimmung“
„Freundschaften in der Wohngruppe“
„Nicht alleine sein“
„Mein eigenes Zimmer“


Das ist doof …
„Zu wenig Personal für Freizeit“
„Lärmpegel – zu viele Menschen und Streit“
„Betreuer haben sehr viel Büroarbeit und weniger Zeit für uns“
„Nicht mit jedem Mitbewohner kommt man klar“
„Dass manche Menschen doof zu Behinderten sind, ich habe auch ein Recht auf ein normales Leben“
„Wenn mich jemand beim Schlafen stört“
„Wenn andere über mein Leben bestimmen“
„Wenn Betreuer mir Steine in den Weg legen“
„Mir fehlt das Geld für Urlaub“
>

Das wünsche ich mir …
„Ein eigenes Haustier haben“
„Inklusive Wohnangebote“
„Mitsprache bei der Personalauswahl“
„bei Umzug: Besichtigung und Kennen lernen ermöglichen“
„soziale Kontakte zu allen Menschen“ (Inklusion)
„Betreuer dürfen bei leichten Schmerzen/ Verletzungen gleich helfen“ (ohne ärztliche Verordnung)
„mit einer guten Freundin zusammen wohnen“
„Partnerschaft/Freundschaft“
„mehr Teilhabe“

Weiteres Vorgehen

 
Das neue Format eines Fachtages, in dem sich Menschen mit Behinderungen als Experten zu ihrer Wohn- und Lebenssituation geäußert haben, wurde positiv aufgenommen. Gemäß dem Slogan „Nicht über uns ohne uns“ brachten alle beteiligten Menschen mit viel Engagement ihre Ideen ein. Deutlich wurde im Rahmen der Veranstaltung, dass sich die Wohnsituationen vor Ort verschieden gestalten und subjektiv wahrgenommen werden. Die Äußerungen spiegeln die Vielfalt und die unterschiedlichen Bedarfe der Experten und auch der Gesellschaft wider.

Diese Veranstaltung diente als Auftakt, um mit Experten in einen Austausch auf Augenhöhe zu gehen. Die Ergebnisse werden in der Arbeitsgruppe diskutiert und ausgewertet. Sich daraus ergebende kurz,- mittel,- und langfristige Ziele werden unmittelbar in Einrichtungen und Diensten der Behindertenhilfe, auf Verbands- und Kostenträgerebene sowie mit Experten weiterverfolgt. Anschließend werden die gemeinsam erarbeiteten Maßnahmen und Ziele veröffentlicht.

Danksagung


Wir bedanken uns herzlich bei den Experten, die uns mit ihrem Engagement und ihren Ideen neue Impulse und Sichtweisen mitgegeben haben. Wir bedanken uns auch bei ihren Begleitern und bei den Trägern für die Ermöglichung der Teilnahme.
Im Rahmen der Vorbereitung und Durchführung danken wir ausdrücklich Frau Göbel für die hervorragende Unterstützung, umfangreiche Beratung und gelungene Moderation.
Wir bedanken uns herzlich bei allen Moderator/inn/en, ganz im Besonderen bei Frau Schefold für ihre großartige Unterstützung und ihre Expertise sowohl in der Vorbereitung als auch bei der Durchführung.
Und wir bedanken uns herzlich bei der Stiftung Pfennigparade – insbesondere bei Frau Krönner – für die freundliche Aufnahme, die umfangreiche Unterstützung vor Ort und den technisch einwandfreien Ablauf. Für die gute Verpflegung und den freundlichen Service bedanken wir uns bei der Lebenshilfe Werkstatt München GmbH.

München, im Januar 2019
Arbeitsgruppe „System Behindertenhilfe“

Mitglieder der Arbeitsgruppe 2017/2018:

  • Julian Spieß, Experte in eigener Sache
  • Ute Schön, Expertin in eigener Sache
  • Brigitte Schefold, Helfende Hände gGmbH
  • Betina Britze, Bezirk Oberbayern
  • Isabella Brand-Oswald, Bezirk Oberbayern
  • David Cesmeci, Bezirk Oberbayern
  • Stephanie Kühn, Bezirk Oberbayern
  • Nadja Riedel, Bezirk Oberbayern
  • Timo Neudorfer, Bezirk Oberbayern
  • Judith Pautz, Bezirk Oberbayern
  • Angela Küster, Paritätischer
  • Johanna Wettengl, Caritas
  • Ulrich Koch, Diakonie
  • Konstanze Riedmüller, BRK
  • Sibylle Fuhlbrügge, Lebenshilfe
  • Fritz Habel, bpa


Eine Zusammenarbeit der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege:

Die logos der Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege:
Bezirk Oberbayern, Caritas, Diakonie, Bayerisches Rotes Kreuz, Lebenshilfe, Der Paritätische, Bundesbverband privater Anbieter sozialer Dienste
Die Arbeitsgemeinschaft der freien Wohlfahrtspflege:
Bezirk Oberbayern, Caritas, Diakonie, Bayerisches Rotes Kreuz, Lebenshilfe in Oberbayern, Der Paritätische Bayern, Bundesbverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V.

Impressionen und Downloads

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Teilnehmer sitzen im Stuhlkreis und erarbeiten Ideen
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Begrüßung der Veranstalter im Plenum
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Moderatorin spricht zu den Teilnehmern
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Vogelperspektive, Teilnehmer sitzen an Tischen und essen auf dem Fachtag: So will ich wohnen

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Moderatorin Frau Göbel zeigt auf Plakate beim Fachtag: So will ich wohnen
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Gruppenbild, aufgenommen von oben

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Dokumentation des Fachtags: So will ich wohnen in Leichter Sprache

Dokumentation des Fachtags: "So will ich wohnen" in Leichter Sprache

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Timo Neudorfer
Telefon: 089 2198-22100
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