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Wie gebärdet man "Piercing" auf afghanisch?

Über die Herausforderung einer Integrationsklasse für hörbehinderte Flüchtlinge

An der Berufsschule im BBW München gibt es seit dem Schuljahr 2015/16 die erste und bislang einzige bayerische Integrationsklasse für hörbehinderte Flüchtlinge. Der Unterricht stellt Lehrer und Schüler immer wieder vor besondere Herausforderungen.

Wenn man das Klassenzimmer im 1. Stock der Berufsschule im BBW München betritt, fällt einem als erstes auf, wie lebhaft es hier zugeht. Zwei Schüler sitzen zusammen und lösen den Lückentext zum Thema „Bewerbung“, den die Lehrerin, Marion Köppel, ihnen ausgeteilt hat. Abba*, der nur vier Schuljahre in seinem Heimatland Somalia besucht hat, ist noch nicht so weit. Er lernt gerade zusammen mit anderen Mitschülern neue Wörter zum Thema „Welche Berufe gibt es“? Seine syrische Sitznachbarin Amira*, die schon DGS kann, hilft ihm und gebärdet ihm die Berufe, damit er sich gleich die entsprechenden Wörter in Gebärdensprache einprägen kann. Denn sprechen kann Abba nicht. Einen Tisch weiter hat Elin* aus Afghanistan die Aufgabe bereits gelöst und will die Ergebnisse mit der Lehrerin besprechen. Immer wieder halten die beiden inne und überlegen gemeinsam, was Elin sagten möchte, denn auch ihr fehlen noch immer viele Wörter. Nach eineinhalb Stunden ist es dann endlich so weit: Jeder der Schüler hat sein Tagesziel erreicht, auf das er stolz sein kann.

Neun Schüler, eine Lehrerin, sieben Herkunftsländer und noch viel mehr Kommunikationsarten: Alltag in Bayerns erster und einziger Integrationsklasse für hörgeschädigte Flüchtlinge. Das Angebot an der Berufsschule am BBW gibt es seit dem Schuljahr 2015/16 und richtet sich an Migranten, die berufsschulpflichtig sind. Aktuell besuchen neun Schüler in einem Alter von 16-22 Jahren die Klasse – weitere Interessenten stehen auf einer Warteliste.

Die Schüler, die hier sitzen, stammen aus Bürgerkriegsländern wie Syrien und Afghanistan, aus Somalia, Griechenland, Bulgarien oder der Türkei. Auch wenn ihre Herkunftsländer sehr unterschiedlich sind, so haben sie doch etwas gemein: Sie sind alle sehr stark hörgeschädigt oder gehörlos und können deshalb keine der 90 Berufsintegrationsklassen an Münchner Regelberufsschulen besuchen. Der Schwerpunkt des Unterrichts liegt auf schulischen Kenntnissen. Gemeinsam pauken die Schüler Deutsch, Mathematik, Sozialkunde und EDV. Auch berufliche Einblicke stehen auf dem Lehrplan. Es soll dazu dienen, die jungen Menschen innerhalb von zwei bis drei Jahren so fit zu machen, dass sie danach eine berufliche Ausbildung absolvieren können.

Die Schüler sind sehr engagiert und wollen unbedingt eine Ausbildung machen und arbeiten. Der Kenntnisstand der Schüler ist sehr unterschiedlich. „Von Pränumerik, also dem, was man normalerweise im Kindergarten oder der Grundschule lernt, bis zu Bruchrechnen ist alles dabei. Es sind auch Schüler in meiner Klasse, die vorher noch keine Schule besucht haben“, beschreibt Marion Köppel den Ablauf. „Der Unterricht ist natürlich sehr differenziert. Das beginnt schon dabei, dass die Schüler einen sehr unterschiedlichen Sprachstand sowohl in ihrer Muttersprache als auch in der neuen Sprache Deutsch bzw. der Gebärdensprache haben. Manche Schüler haben in sogenannten Hausgebärden mit ihrer Familie kommuniziert. Andere Schüler können zwar eine Gebärdensprache, aber nicht die Deutsche. Manchmal ist es deshalb auch eine buchstäbliche Verständigung mit Händen und Füßen“.

Die Lehrerin muss sich deshalb jeden Tag neu auf den individuellen Kenntnisstand eines jeden Schülers einstellen und Unterrichtsmaterial entwerfen. Denn Material gibt es bisher noch keines. Auch, dass es sich bei den Schülern um Menschen mit einem besonderen Schicksal handelt, bricht immer wieder durch. So übernimmt Marion Köppel manchmal auch Aufgaben, die nicht direkt was mit Bruchrechnen oder Adjektiven zu tun haben. „Ich bin quasi Mama, Papa, Sozialdienst und Psychologe in einem. Einen Tag soll ich eine Pflegeanleitung für ein Piercing übersetzen, am nächsten Tag legt mir ein Schüler einen behördlichen Aufruf zu einer Tuberkulose-Testung vor, mit dem er nichts anfangen kann. Viele der Schüler sind traumatisiert und es kam auch schon vor, dass eine Schülerin mitten im Unterricht begonnen hat, zu weinen. Dies ist dann natürlich eine besondere Herausforderung.“

Wie sehr der persönliche Einsatz etwas bringt, zeigt sich daran, dass schon drei Schüler nach dem ersten Jahr in eine Ausbildung am BBW wechseln konnten und dort jetzt einen Pflegeberuf oder den Beruf des Malers lernen. Zwei weitere Schüler sollen ab dem nächsten Schuljahr eine berufsvorbereitende Bildungsmaßnahme besuchen, um danach in Ausbildung zu starten. Besonders diese Erfolgsgeschichten sind es, die die Mühe lohnen, wie die Lehrerin beschreibt: „Es ist viel Arbeit, aber es ist Arbeit mit Sinn. Und wenn man in das Gesicht der Jugendlichen sieht und man erkennt, dass sie etwas verstanden zu haben, dann geht einem das Herz auf. Und in dem Moment sind auch die Mühen und der lange Weg bis dahin schnell vergessen.“

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Ansprechpartner/in

Katharina Weier
Berufsbildungswerk München - Referentin für Öffentlichkeitsarbeit
Musenbergstraße 30 - 32
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Telefon: 089 95728-4005
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